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Berlin: Soaps und TV Total - Erstwähler in Medien umworben

Berlin : Soaps und TV Total - Erstwähler in Medien umworben

Grünen-Frontmann Jürgen Trittin steht als „DJ Dosenpfand” am Plattenteller - und FDP-Chef Guido Westerwelle lässt bei Facebook wissen, dass er am liebsten Pippi Langstrumpf liest.

Politiker mühen sich nach Kräften, die Gunst der Erstwähler zu gewinnen. Doch ein Patentrezept, wie der Jungwähler, das unbekannte Wesen, zur Wahl am 27. September motiviert werden kann, hat noch keine Partei gefunden.

Während viele Politiker meist in ein bisschen Internetaktivismus ihr Heil suchen, setzen neue, crossmediale Medienangebote auf kreative Akzente.

So versuchen TV-Sender und Webportale zum Beispiel mit einer Wahlsoap - unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung - den 3,5 Millionen Erstwählern die Bedeutung der Wahl in einer Demokratie näher zu bringen. Denn die Jungen waren bei den vergangenen Wahlen die Wahlmüdesten. 2005 lag die Beteiligung rund 10 Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt von knapp 78 Prozent.

Auch die Sender wissen, mit dem herkömmlichen Angebot im Vorfeld der Wahl reißen sie nur wenige junge Wähler vom Hocker - statt des TV-Duells zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD- Herausforderer Frank-Walter Steinmeier schauten viele am vergangenen Sonntag lieber den parallel auf ProSieben laufenden Film „Die Simpsons”. Neu ist, dass es zu einer Häufung von medienübergreifenden Angeboten kommt.

An diesem Wochenende lautet etwa das Motto von ZDF, zeit-online und den sozialen Netzwerken Studi-; Schüler- und MeinVZ: „Erst fragen, dann wählen”. Am Samstag und Sonntag werden Spitzenpolitiker wie Jürgen Trittin und Linken-Fraktionschef Gregor Gysi mehrere Stunden den Wählern Rede und Antwort stehen - im ZDF.infokanal und im Livestream auf den genannten Internet-Plattformen.

Bei meinVZ steht bei den Usern zum Beispiel eine Frage zum Sinn und Unsinn der Abwrackprämie ganz hoch im Kurs. Die besten Momente des Netzmarathons zeigt das ZDF am Sonntag in einer 45-minütigen Zusammenfassung ab 23.30 Uhr.

Ein anderes Beispiel: „Jetzt ist die Zeit der Entscheidung”, ruft die Sängerin den jungen Zuschauern eindringlich entgegen. In einer vierteiligen Soap-Reihe, die unter anderem auf den Portalen bild.de und spiegel.de, den VZ-Netzwerken sowie beim TV-Sender Viva und unter www.zeit-der-entscheidung.de in den Wochen bis zu Wahl zu sehen ist, werden im Cafe Terzio diverse Alltagsprobleme thematisiert.

Muss der Wirt seinen Mitarbeitern einen Mindestlohn zahlen? Was passiert mit der jungen Referendarin, die heimlich in einem Nebenraum kifft? Darf der seit Jahren hier lebende Türke beim Bürgerentscheid über eine Umgehungsstraße mitwählen, für die sein geliebter Sportplatz weichen soll? Muss Koch Flo zum Bund und droht damit eine Fernbeziehung zur Freundin? Kann die Kellnerin ein gebührenfreies Studium starten?

Am Ende der jeweils 15-minütigen Episode kann der Zuschauer selbst bestimmen, wie die offenen Fragen ausgehen, je nachdem, welche Partei man wählt. Bei der CDU wird die kiffende Lehrerin verurteilt, bei den Grünen findet sie sich in einem rauchgeschwängerten Cafe wieder, wo sie legal Gras rauchen darf.

Teil 3 läuft an diesem Wochenende. In der Wahlserie spielen unter anderem Schauspielerin Sophia Thomalla, Fußballer Mesut Özil, Topmodel Fiona Erdmann und Richter Alexander Hold mit. Die Geschichten und ihre Ausgänge basieren auf den Parteiprogrammen der Parteien.

Da besonders Jungwähler zu den knapp 30 Prozent unentschlossenen Wählern gehören, rührt ProSieben am Samstagabend vor der Wahl (26. September) in zwei Sendungen die Werbetrommel für die Demokratie. In einem „TV Total Bundestagswahl 2009 ziehen Stefan Raab und N24-Chefredakteur Peter Limbourg die Wahl um einen Tag vor und machen „die größte und kurzfristigste Wahlumfrage der Republik.” 2005 nahmen die TV Total-Zuschauer dabei übrigens die große Koalition vorweg.

Anschließend erklärt ab 23 Uhr der Skandalrapper Sido, warum er mit 28 Jahren erstmals wählen geht. Er hat sich für die Doku die Programme der Parteien erklären lassen und findet es wichtig, sich zum Wählen aufzuraffen - seine Popularität soll helfen, gerade die an Politik nicht Interessierten zu erreichen.

Sido findet aber auch, dass die Politik sich dringend ändern muss: Da seine Zielgruppe samstags gern feiern geht, gibt er ihnen einen guten Rat mit auf den Weg: Die Wahllokale seien am Sonntag bis 18 Uhr geöffnet. „Da kann man den Kater ausschlafen und trotzdem wählen gehen”, sagt er.