1. Panorama

Washington: Shuttle-Debakel: Ist die Raumfähre unsicher?

Washington : Shuttle-Debakel: Ist die Raumfähre unsicher?

Das Debakel um den Start des Space-Shuttles „Atlantis” hat in den USA besorgte Debatten ausgelöst. Erstmals werden Sicherheitsrisiken der altersschwachen US-Raumfähren offen angeprangert.

Die ansonsten Raumfahrt-begeisterte Zeitung „USA Today” zweifelt, ob die ISS mit dem flügellahmen Shuttle „überhaupt fertiggestellt werden kann”. „Die Shuttle-Flüge könnten enden, bevor die Station fertig ist”, schreibt das Blatt.
Ursprünglich sollte die „Atlantis” mit dem aus Aachen stammenden Hans Schlegel, sechs weiteren Astronauten und dem europäischen Weltraumlabor „Columbus” an Bord bereits am 6. Dezember zur Internationalen Raumfahrtstation starten. Neuesten Planungen zufolge soll „Columbus” jetzt am 7. Februar ins All geschossen werden. 100-prozentig fest steht der Termin laut NASA aber noch nicht.

Doch es gibt noch weitaus größere Sorgen: Zunehmender Zeitdruck, fürchten Experten, könnte eine weitere Katastrophe wie mit den Shuttles „Challenger” und „Columbia” provozieren. „Challenger” war 1986 kurz nach dem Start explodiert, „Columbia” 2003 beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verglüht. Beide Male kamen alle sieben Besatzungsmitglieder ums Leben. „Unter dem Druck von Haushaltserwägungen und politischen Aspekten”, schreibt die Zeitung „Washington Post”, könnte die US-Weltraumbehörde NASA „sich erneut versucht sehen”, den Raumfähren zu viele Starts zuzumuten. „Dieser Druck mutet so bekannt an”, zitiert das Blatt den Raumfahrt- Spezialisten Prof. Alex Roland. „Es war genauso vor den "Challenger"- und "Columbia"-Unglücken.”

Das Dilemma: Die Regierung in Washington hat bis 2010 die „Pensionierung” des in die Jahre gekommenen Shuttles angeordnet. Soll die ISS bis dahin fertig werden, muss die NASA noch insgesamt 13 Raumfähren ins All bringen. Seit 2002, bevor die „Columbia” verglühte, gab es nicht mehr eine derart hohe Startfrequenz. Mit der wiederholten Verschiebung des „Atlantis”-Starts gerät der Zeitplan weiter unter Druck.

Leidtragende der Misere sind auch die Europäer. „Wir haben überhaupt keinen Einfluss auf die Frage des Starttermins”, sagt Mathias Spude, Sprecher des Raumfahrtkonzerns EADS Astrium in Bremen, wo „Columbus” gebaut wurde. Er verweist darauf, dass das Labor eigentlich bereits 2004 ins All gesollt hätte, das Vorhaben dann aber wegen der „Columbia”-Katastrophe für Jahre auf Eis gelegt wurde. Schließlich wurde der Termin auf Anfang Dezember gesetzt. Reihenweise reisten die europäischen Raumfahrt-VIPs nach Cape Canaveral - nur um erneut enttäuscht zu werden. Schuld an dem Flop waren ein paar defekte Tankanzeigen.

Schwer wiegt zudem, dass die NASA-Techniker eingestehen mussten, dass ihnen das Problem mit den Tanksensoren zwar seit Jahren bekannt war, bislang aber keine Lösung gefunden wurde. Shuttle-Kritiker wenden ohnehin ein, die Technik der wiederverwendbaren Raumfähre sei viel zu aufwendig, anfällig und kompliziert - im Vergleich etwa zu den russischen „Sojus”-Kapseln. „Nie mehr wird sich die europäische Raumfahrt in eine solche Abhängigkeit begeben”, betont ein Experte mit Blick auf das für die Shuttle maßgeschneiderte „Columbus”-Labor.

Immer mehr wird unter europäischen Raumfahrern der Wunsch nach einem „eigenen Transportmittel für bemannte Einsätze” laut, wie der deutsche Astronaut Thomas Reiter unlängst forderte. Auch der Chef der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA, Johann-Dietrich Wörner, macht sich immer häufiger dafür stark. In Industriekreisen werden bereits die Kosten eines solchen Projekts gehandelt - zwischen drei bis fünf Milliarden Euro sollen es sein.