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Dülmen: Schornsteinfeger: Die Glücksbringer sind heute Energieberater

Dülmen : Schornsteinfeger: Die Glücksbringer sind heute Energieberater

Schornsteinfeger sollen Glück für das Neue Jahr bringen. Das Klischee vom schwarzen Mann mit Zylinder und Drahtbürste passt nicht mehr, denn heutzutage sind die Kaminkehrer mit Wärmebildkamera und Laptop unterwegs.

Nein, wie man ordnungsgemäß Glück bringt, steht in der Schornsteinfegerschule Dülmen nicht auf dem Stundenplan. Schulleiter Hermann-Josef Radermacher trägt auch keinen Zylinder. Der Schornsteinfeger aus Aachen hat sich stattdessen für einen grünen Pullover entschieden. Es ist ein kalter Dezembermorgen in Dülmen. Die kleine Stadt im Münsterland ist zugeschneit. Die Heizungen laufen. Doch aus den Schornsteinen kommt kein Rauch und kein Ruß. Einzig Wasserdampf steigt in kleinen Wölkchen empor.

Mit dem Verschwinden von Koks und Holz aus den Heizungen hat sich auch der Schornsteinfeger von den Dächern verabschiedet. „Ein Schornsteinfeger im Stadtgebiet ist heute noch einen Monat im Jahr mit dem tatsächlichen Fegen beschäftigt”, sagt Schulleiter Hermann- Josef Radermacher. Die restlichen elf Monate lasse er die Drahtbürste stehen. Mitte der 60er Jahre war das noch komplett anders. Da musste jeder Schornstein sechsmal im Jahr gereinigt werden. Die „schwarze Arbeit”, sagt Rademacher, erkläre die schwarzen Anzüge.

Aber warum haben Schornsteinfeger ausgerechnet einen Zylinder auf dem Kopf? Zwei Begründungen sind möglich, meint der Schulleiter: Eine Theorie besage, dass die Handwerker den Zylinder getragen haben, um sich auf den dunklen und niedrigen Dachböden nicht den Kopf zu stoßen. Möglicherweise hing es aber auch mit der Bezahlung zusammen. Anstelle von Geld bekamen die Schornsteinfeger oft Lebensmittel für ihre Arbeit. Diese ließen sich in einem Zylinder natürlich besser transportieren als in einer Melone.

Den Zylinder tragen mittlerweile nur noch die wenigsten Feger. Der Arbeitsalltag hat sich stark verändert. 2010 hat ein Schornsteinfeger vor allem im Heizungskeller verbracht. Er misst Abgaswerte von Heizungen, kontrolliert Schornsteine oder hilft, wenn ein Hausbesitzer eine komplett neue Heizung haben möchte ­ alles digital, versteht sich. „Ohne Computer geht heute gar nichts mehr”, sagt Hermann-Josef Radermacher.

Mit der Energieberatung haben sich viele Betriebe ein zweites Standbein aufgebaut. Mittlerweile beschäftigt sich ein Großteil der Kurse an der Schornsteinfegerschule mit dem Thema. Es geht um Solaranlagen, das Ausstellen von Energieausweisen, Spezialitäten des Baurechts oder die Analyse von Häusern mit einer Wärmebildkamera.

Auch der Wuppertaler Schornsteinfeger Michael Kleypaß ist Energieberater. „Natürlich ist mir die praktische Arbeit lieber als auf der Schulbank zu sitzen”, sagt Kleypaß. Bei immer neuen Gesetzen und Technologien sei es jedoch notwendig, sich auf dem Laufenden zu halten. „Der Schornsteinfeger wird immer mehr zu einem Berater rund um Heizung und Energie werden”, meint der 48 Jahre alte Handwerker.

Um zu verstehen, wieso Schornsteinfeger als Glücksbringer gelten, ist eine Zeitreise in die Ära der Holzhäuser nötig. Der Brand eines Schornsteins konnte in dicht bebauten Städten ganze Stadtteile vernichten, erklärt Radermacher. „Die Menschen wussten: Wenn der Schornsteinfeger im Haus gewesen war, war diese Gefahr gebannt”, sagt der 59-Jährige.