1. Panorama

Frankfurt am Main: Schmusen mit Fremden: Kuschelpartys der neueste Trend

Frankfurt am Main : Schmusen mit Fremden: Kuschelpartys der neueste Trend

Mit ausgestreckten Armen und geschlossenen Augen bewegen sich 21 Männer und Frauen Schritt für Schritt zur Zimmermitte. Während ihre Hände vorsichtig fremde Körper ertasten, gleiten unbekannte Finger über ihre Rücken, streifen ihre Pos.

Dazwischen steht „Kuscheltrainerin” Rosi Doebner und gibt Anweisungen: „Seid achtsam und respektvoll mit Euch und den anderen.” Der Seminarraum in der Frankfurter Innenstadt ist mit Lichterketten und Teelichtern geschmückt. Im Hintergrund erklingt sanfte Musik. „Beim Kuscheln bleibt die Kleidung an”, stellt Doebner klar und beruhigt die Schüchternen: „Ein Kuschel-Muss gibt es nicht.”

Seit drei Jahren organisiert Doebner in Berlin und Frankfurt regelmäßig Kuschelpartys und bildet Interessierte zum Kuscheltrainer aus. Streicheleinheiten bezeichnet die Diplom-Biologin als „Tankstelle für Körper, Geist und Seele”. Kuscheln helfe, den Körper zu regenerieren und Anspannungen abzubauen. Sex ist tabu. „Nur Kuschelenergie soll fließen”, flötet Doebner den Tuchfühlern zu.

Dietmar L. und Simon B. (alle Namen von Teilnehmern geändert) nehmen zum ersten Mal an einer Kuschelparty teil. Mit fremden Menschen in Yogahosen und weiten Pullovern sitzen der Post-Sachbearbeiter und der Investmentbanker aus Frankfurt auf dem Holzboden des Seminarraums und blicken gespannt in die Runde.

„Normalerweise gehe ich abends ins Kino oder ins Café”, sagt der Geldexperte und wippt nervös mit seinen Knien. Während für den 34-jährigen Finanzprofi das Interesse an neuen Kontakten und Erfahrungen bei der Veranstaltung im Vordergrund steht, sucht sein Nachbar bewusst nach körperlicher Wärme und Nähe. „Mir fehlt einfach Zuwendung”, erklärt Dietmar L. Seit 2001 lebe er allein. Der 36-Jährige berichtet von starken Depressionen. Bei einem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik habe ihm eine Mitpatientin die Kuschelparty empfohlen.

Olaf S. hat in der Vorstellungsrunde das Wort. „Ich bin Wiederholungskuschler”, bekennt der 44-jährige Brillenträger. Er mag es, „Berührungen zu geben und zu empfangen”. Lächelnd reicht der große, schlanke Mann das „Kommunikationstier”, einen Plüsch-Drachen, seinem Nachbarn weiter.

Simon B. wurde durch eine Reportage auf das Kuscheln aufmerksam. „Meinen Freunden habe ich verschwiegen, dass ich hier mitmache”, druckst er. „Wer weiß, wie die reagieren würden.” Für das „Kuschel-Warm-Up” werden acht rot bezogene Matratzen zusammengeschoben: „Jetzt stellen wir uns vor, wir seien Tiere”, motiviert die Kuschel-Dompteuse. Auf allen Vieren begrüßen sich die Teilnehmer gegenseitig. Arme werden zu Rüsseln, Hände zu Tatzen. Tierlaute erklingen.

Bei der „Verwöhn-Übung” sind die Matratzen über den Raum verteilt. Während Olaf S. mit verbundenen Augen auf dem Rücken liegt, sollen ihn zwei daneben Kniende mit Streicheleinheiten verwöhnen. Von wem er „bekuschelt” wird, sieht er nicht. „Jeder kann sagen, was ihm gefällt und wo er lieber nicht berührt werden möchte”, weist Doebner an. Im Anschluss lassen sich die Teilnehmer ineinanderfallen.

„Bittet um Erlaubnis, wenn ihr jemanden berühren wollt, und achtet genau auf eure eigenen Grenzen”, empfiehlt die Kuschel-Expertin. In der Mitte des Raumes rückt Simon B. mit einer dunkelhaarigen Endvierzigerin und einem Stammkuschler mit lichtem Haarkranz zusammen. Olaf S. liegt mit zwei kichernden Frauen und einem Mann im Fleece-Pulli am Rande des Menschenknäuels.

„Zu unser ersten Party in Berlin kamen gleich 55 Teilnehmer”, bestätigt Doebner die Nachfrage nach moderierter Nähe. In einer Zeitung hatte die Diplom-Biologin von „Cuddlepartys” in New York gelesen. Dort kuschelten Amerikaner bereits 2004 im Appartement des „Romantiktrainers” Reid Mihalkos. Ein Jahr später schwappte der Trend nach Deutschland.

Meist dauert eine Kuschelparty drei Stunden. Bei Doebner kostet der Eintritt 18 Euro. Die Teilnehmer sind überwiegend Singles im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Zweck der Partys sei es jedoch nicht, einen Partner zu finden, stellt Doebner klar. Eva S. schätzt jedoch die gegengeschlechtliche Nähe: Mit zwei Männern gleichzeitig zu kuscheln, sei eine tolle Erfahrung gewesen. Ihr Kuschelpartner Kai Boll ist ebenfalls begeistert: „Es ist, wie wenn Du nicht merkst, dass Du tierisch Durst hat, und erst beim ersten Schluck fällt Dir auf, was Dir so lange gefehlt hat.”