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Brüssel: Schlumpftorte oder Geburtstagsschlumpf?

Brüssel : Schlumpftorte oder Geburtstagsschlumpf?

Sie sind jeden Tag blau - und das seit 50 Jahren. Heute aber haben sie einen besonderen Grund zum Feiern: Schlumpf-Geburtstag.

Am 23. Oktober 1958, in Nummer 1.071 des belgischen Wochenmagazins „Spirou”, erblickten sie das Licht der Comic-Welt. Genau genommen hatten sie da allerdings schon ein paar Jährchen auf dem Buckel: 542 Jahre - nach eigenen Angaben - der Große Schlumpf, etwa 100 Jahre die anderen Zwerge mit ihren weißen Jakobinermützen. Eigene Namen bekamen die kleinen Individuen in all den Jahren nicht: Sie hießen einfach nur „Schtroumpf” (französisch), „Smurf” (niederländisch), „Schlumpf” (deutsch) - und blieben blau, streitfreudig und sehr individuell.

Pierre Culliford (1928-1992) in Brüssel und besser bekannt unter seinem Künstlernamen Peyo, erfand die kleinen blauen Wichte für seinen „zauberhaften” Mittelalter-Comic „Johan et Pirlouit” (deutsch: „Johann und Pfiffikus”). Johann, Knappe des Königs, und sein widerspenstiger Gehilfe Pfiffikus, stets im Kampf für die Armen und Schwachen unterwegs, landeten auf der Suche nach den Herstellern einer gestohlenen „Zauberflöte” im „Verwunschenen Land”. Nachdem in der Ausgabe der Vorwoche schon ein getarnter Schlumpf durchs Bild gehuscht war, kam es schließlich am 23. Oktober vor 50 Jahren zur Begegnung der schlumpfigen Art.

Die Schlümpfe eroberten die Herzen des Publikums im Sturm. Schon neun Monate nach ihrer „Geburt” machten sie sich selbständig und erhielten im Juli 1959 ihre erste eigene Fortsetzungsgeschichte: „Blauschlümpfe und Schwarzschlümpfe”. Obwohl tief im Wald und im Mittelalter beheimatet, wurden die Schlümpfe in ihrem Mikrokosmos ausgehöhlter Wohn-Pilze zum Spiegel der modernen Welt. 1970, ein Jahr nach der Mondlandung von Apollo 11, suchte auch der „Cosmo-Schtroumpf” seine Zukunft im All.

Im belgischen Sprachenstreit waren sie ebenfalls involviert: Die Frage „Schlumpfzieher” oder „Korkenschlumpf” machte Schlumpfhausen zur geteilten Stadt. Neuerlichen Streit gab es schließlich um Schlumpfinchen, das einzige „Weibchen” der Gemeinde. Der böse Zauberer Gargamel hatte diesen nervig-naiven Retortenschlumpf vor den Toren der Stadt ausgesetzt, um Zwietracht zu säen - „Cherchez la femme”, Blondinen bevorzugt. Doch auf Dauer konnte nichts die Schlümpfe entzweien: kein Schlumpfinchen, kein Sprachenstreit, kein „Schlumpfissimus, König der Schlümpfe”.

Ende der 60er Jahre hält der Kommerz Einzug im „Verwunschenen Land": eigene Fernsehsendungen (seit 1963) und abendfüllendes Kino (1975). Später in den 80er Jahren entstehen mehr als 250 amerikanische Fernsehfilme. Kulturbeflissene Kleinkinder terrorisieren ihre Eltern und Großeltern bis zum Kauf von Heften und Figuren, von Schlumpfhäusern und Accessoires. Millionen verkaufter Comicalben und Videos, CDs, Figuren - ein schlumpfiges Geschäft! Doch nicht jedes Kind war so weitsichtig, sein Schlumpf-Universum bis ins Erwachsenenalter zu konservieren: Die Plastikfiguren, über die die Bildungsbürger der 70er Jahre überall im Haus stolperten, erzielen heute Phantasiepreise - auch wenn der Lack ab ist.

Trittbrettfahrer wie der flämische „Vader Abraham” bekamen ebenfalls ihr Stück vom Kuchen: Sein „Lied der Schlümpfe” stürmte 1977/78 die internationalen Charts und ist auch heute noch, mehr als 30 Jahre danach, auf Europas Flohmärkten zu finden. Der eigentliche Schlumpf-Vater aber, der 1992 verstorbene Peyo, blieb bescheiden im Hintergrund - in seiner Attitüde ganz Großer Schlumpf.

Und doch brachten ihm seine Schlümpfe königliche Meriten ein, sozusagen die Lizenz zum Kulturschaffen: Für seine Verdienste um das Vaterland machte ihn König Baudouin zum Offizier des belgischen Kronordens. 50 Jahre Schlümpfe: „Schlumpftorte” oder „Geburtstagsschlumpf”, das ist hier die Frage.