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Dortmund: Schlagende Väter, aggressive Söhne

Dortmund : Schlagende Väter, aggressive Söhne

Eigentlich sollte er Schlosser werden, nicht Professor. Abitur und Studium haben ihm weder seine Hauptschullehrer noch seine Eltern zugetraut. Doch Ahmet Toprak wollte es unbedingt versuchen und traf eine Vereinbarung mit seinem türkischen Vater: Wenn er das Abitur in der Türkei nicht bestehen würde, käme er nach Deutschland zurück, um Dachdecker zu werden.

Heute ist Ahmet Toprak 36 Jahre alt und Pädagogikprofessor an der Universität Dortmund. Schon für deutsche Akademiker eine steile Karriere, um so mehr für einen Migrantensohn. In Deutschland besuchen fast 42 Prozent der türkischen Kinder eine Haupt-, 16 Prozent eine Real- und 12 Prozent eine Sonderschule. Gerade mal 11 Prozent gehen auf ein Gymnasium. „Dabei ist es für die Eltern der größte Wunsch, dass ihre Kinder studieren”, sagt Toprak.

Warum so viele türkische Jungen im deutschen Bildungssystem scheitern, warum sie oft durch Gewaltbereitschaft auffallen und kriminell werden, hat den Pädagogen nicht nur aufgrund seiner eigenen, ganz anderen Biografie interessiert. Sechs Jahre arbeitete Toprak in München als Sozialarbeiter mit gewaltbereiten türkischen Jugendlichen. In seiner Forschung beschäftigt sich der Pädagoge besonders mit der Erziehung türkischer Einwanderer. Denn sie trägt seiner Ansicht nach dazu bei, dass gerade die jungen Männer in der deutschen Gesellschaft nicht zurechtkommen.

Dabei müsste es nach dem Erziehungskonzept der Eltern anders aussehen. „Für 61 Prozent der türkischen Väter sind Respekt und Gehorsam das wichtigste Erziehungsziel”, erklärt Toprak. „Und zwar nicht nur gegenüber den Eltern, sondern auch gegenüber Lehrern und Geistlichen.” Innerhalb der Familie setzten die Väter ihren Anspruch durch.

In der Schule aber sehe es ganz anders aus. Dort begegneten die Pädagogen den Kindern demokratisch und offen statt autoritär. „Damit können besonders die Jungen schlecht umgehen”, beobachtet Toprak. Sie legten den basisdemokratischen Umgang oft als Schwäche aus und provozierten die Lehrer mit Regelverletzungen. „Für diese Schüler ist es wichtig, dass ihnen die Pädagogen mit unnachgiebiger Konsequenz begegnen”, rät der Wissenschaftler. „Aber auch mit Achtung.”

Besonders Jugendliche hätten ein riesiges Bedürfnis nach Anerkennung und Lob, das sie in den Schulen aufgrund ihres provozierenden Verhaltens selten erhielten. „Die deutsche Pädagogik arbeitet sehr defizitorientiert”, kritisiert Toprak. Erfolge würden als selbstverständlich hingenommen, Versagen dagegen breit thematisiert. Das erführen meistens auch die Familien türkischer Schüler auf den Elternsprechtagen.

„Da das Verhalten der Jungen zuhause völlig anders ist, können sie die Beschwerden selten nachvollziehen”, sagt Toprak. „Hier kollidieren zwei völlig verschiedene Erziehungskonzepte.” Auf den Druck von außen reagieren türkische Eltern nicht selten mit Gewalt. „Eine Ohrfeige als Sanktion ist ganz normal”, erläutert Toprak. „Ein türkisches Sprichwort lautet: Wer seine Kinder nicht schlägt, hat das Nachsehen”. Genau darin aber liegt nach Ansicht des Pädagogen ein zentrales Problem.

Denn vom Vater lernten die Jungen: Wer schlägt, ist stark, also ein richtiger Mann. Wenn die Jungen, denen es oft an Anerkennung und Selbstbewusstsein fehle, selber Macht fühlen wollten, schlügen sie zu. Laut einer Schülerbefragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen haben 30 Prozent der türkischen Jugendlichen körperliche Züchtigung und sogar Misshandlung erlebt.

Dies geschehe vor allem in Familien, in denen der Vater seine Vorbildfunktion nicht erfülle, erklärt Toprak. „Wenn Väter arbeitslos sind, die deutsche Sprache nicht sprechen und im Alltag ständig auf die Hilfe ihrer Kinder als Dolmetscher angewiesen sind, verlieren sie in der Familie an Ansehen und das versuchen, sie mit Gewalt zu kompensieren.”

Dieser Kreislauf der Aggression kann nach Ansicht Topraks nur durch eine Sozialarbeit unterbrochen werden, in der sowohl die Eltern wie auch die Kinder erreicht werden. „Viele Konzepte scheitern leider daran, dass sie die Migranten falsch ansprechen”, meint der Dortmunder Professor und nennt noch einmal das Beispiel Schule. „Türkische Eltern sind sehr viel offener, wenn ihnen die Lehrerin auf einer persönlichen statt sachlichen Ebene begegnet und nur über die Defizite ihres Schülers redet.”

Toprak hat es selbst ausprobiert. Auf Elternabenden erzählt der Pädagoge immer etwas über seine eigene Biografie, bevor zum Thema Erziehung und Gewalt übergeht.