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Paris: Reality Show: Pariser Wintermode für echte Männer

Paris : Reality Show: Pariser Wintermode für echte Männer

Runter vom Laufsteg, rein ins Leben! So lautet ein wichtiger Trend der laufenden Pariser Kollektionsschauen der Herrenmode für Herbst/Winter 2008/9. Statt pompöser Präsentationen ziehen berühmte Designer intime Stelldicheins vor. Das machten bisher eher unbekannte Labels, die sich keine großen Schauen leisten konnten. Aber auch bei den Entwürfen selbst läuft eine „Reality Show”. Gezeigt werden zahlreiche tragbare Lieblingsstücke wie gut geschnittene Anzüge, dicke Pullover, weite Mäntel und ausgewaschene Jeans. Für Extravaganzen ist wenig Platz.

Neu sieht alles durch fröhliches Kombinieren aus: die lila Karohose zum grau melierten Mantel wie bei Sonia Rykiel oder Schottenbermudas zum Streifenhemd wie bei Comme des Garçons.

Das Haus Yves Saint Laurent verzichtete auf Models und zeigte stattdessen am Freitag eine hervorragend gemachte Video-Installation, die nun im Internet zu sehen ist.

Der britische Schauspieler Simon Woods zieht sich darin ein hochelegantes weißes Oberhemd von Designer Stefano Pilati an oder eine graue Hose in A-Form mit Aufschlag, die dann mit einem hauchdünnen Rollkragenpullover und einer schmalen Jacke mit breitem Revers kombiniert wird.

Er springt durch die Szenerie, dann wieder fallen fein gemusterte Seidentüchlein auf ihn herab. Die Entwürfe erinnern an den Jet-Set der späten 60er und frühen 70er Jahre, an Paul Getty oder Rudolf Nurejew. Schmale Samtjacken in Messing und Royalblau, Blazermäntel in Beige oder Senfgelb oder mongolische Felljacken zu schmalen Hosen zeugen von der Extra-Klasse, die Pilati seit ein paar Saisons zu einem der wichtigsten Designer der Welt gemacht haben.

Der Belgier Bruno Pieters hat schon bedeutende Preise eingeheimst, und in wenigen Tagen wird er in Berlin seine erste Kollektion für die Marke Hugo von Hugo Boss präsentieren. In Paris zeigte er seine eigenen Entwürfe und sparte sich die große Schau. In einer Galerie wurde ein Video gezeigt, dann kamen Models heraus und stiegen auf Podeste, um als lebende Skulptur regungslos zu verharren.

Pieters setzt auf traditionelle Schneiderkunst in neuer Optik, schneidet seine eleganten Smokingjacken mit Biesen auf Taillenhöhe ab und macht sie zu einer Art Spenzer. Ein breiter weinroter Schal dient der blauen Samtjacke als Gürtel, dazu gibt es eine weite Glencheck-Hose. Bei Givenchy waren die Entwürfe auf Schneiderpuppen drapiert. Schmale Lammfell-Blousons oder kostbare Echsenleder-Jacken wurden dabei zu lockeren Baggy-Hosen mit Karos oder Streifen kombiniert.

Eine veritable Runway-Darbietung gab es dann doch am Abend bei John Galliano. Die Kulisse glich einem Eispalast mit Kristallen an den Fenstern und Nebel über einem silberfarbenen Laufsteg. Galliano hatte sich vom England der Tudor-Zeit inspirieren lassen, wovon die weiten gerafften Samtjacken in glänzendem Schwarz, die Federhüte und Pagen-Hosen zeugten. Darunter verbarg sich Sportswear mit dicken Rollkragenpullovern und Jogging-Pants.

Nach der Edel-Sektion stieg Galliano in die Abgründe des Daseins, schickte Models als „Sklaven” mit Stricken um den Hals heraus, wild bemalt und in knappen Unterhosen. Den Abschluss bildete ein „Totentanz”. Gallianos Typen mit Kapuzen über dem Kopf, venezianischen Masken und Teufelshörnern ließen dann doch die Tendenz zum Realismus dieser Woche verblassen und die Show-Effekte die echte Schau übertünchen.