1. Panorama

Comilla: Pures Arsen: die tödliche Tücke aus den Brunnen

Comilla : Pures Arsen: die tödliche Tücke aus den Brunnen

Momo Mio zieht sein Hemd aus, zeigt die Brust, streckt die Hände vor und sagt: „Schauen Sie, wie viele Schmerzen ich haben muss.“ Seine Augen sind schon trüb, die Haut hat dunkle Flecken, Ekzeme, sie brennt.

Der 40-Jährige schaut auf seine Füße. Am rechten fehlen drei Zehen, am linken zwei. Es sind die Folgen des Arsens aus dem Wasserbrunnen seines Dorfes Payahatoli im Osten von Bangladesch.

Abul (8) und seine Freunde freuen sich: Der Brunnen ihres Dorfes bekam einen grünen Kran als Zeichen dafür, dass durch tiefere Bohrung das Grundwasser jetzt arsenfrei ist.
Abul (8) und seine Freunde freuen sich: Der Brunnen ihres Dorfes bekam einen grünen Kran als Zeichen dafür, dass durch tiefere Bohrung das Grundwasser jetzt arsenfrei ist. Foto: Silke Fock-Kutsch

„Die größte Vergiftungswelle der Welt“, so die Weltgesundheitsorganisation WHO, nahm ihren Anfang mit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1971. Um die Bevölkerung vor verdrecktem Oberflächenwasser und Cholera zu schützen, bohrten die Vereinten Nationen elf Millionen Brunnen in den südasiatischen Erdzipfel, darunter drei Millionen Hausbrunnen. Niemand ahnte damals, dass das gut gemeinte Projekt in 100 bis 150 Meter Tiefe auf eine natürliche Arsenschicht traf, die aus den Erdschichten des nahen Himalaya-Gebirges kommt. Außerdem trafen die Bohrungen damals auf weitere Halbmetalle, die sich über Millionen von Jahren angesammelt hatte. Erst Mitte der 90er Jahre wurde die Kausalität der tödlichen Erkrankung mit den giftigen Substanzen aus der Tiefe erkannt.

Regierung ist hilflos

„Ich lebe von der Hilfe der anderen, ich habe vier Kinder, kann nicht mehr arbeiten. Was wird nur werden, wenn ich nicht mehr da bin“, sagt Momo Mio. Wir lassen ihn einfach erzählen, von seinem Leiden, dem Juckreiz, der Ohnmacht in seiner kleinen Welt, einer bengalischen Palmenwald-Siedlung jenseits der Globalisierung. Später fragen wir Momo Mio, ob es denn noch irgendetwas gibt, das für ihn lebenswert sei. Er zeigt auf seine vier Kinder: „Mit ihnen nachts unter einer Decke zu liegen, wenn der Regen aufs Dach fällt, das ist für mich Glück.“ Die kuschelige Musik des Zusammenspiels von Wellblech und prasselnden Tropfen. Momo Mio, so ist zu fürchten, wird nicht mehr lange sein Vaterglück erleben können. Die Erkrankung tritt in der Regel nach 15 bis 20 Jahren mit den Hautsymptomen auf und zieht aggressiven Krebs nach sich. Der Tod kommt schnell.

Wir sind in einer östlichen Region von Bangladesch, ohne nennenswerte medizinische Versorgung und urbane Strukturen, weitgehend ohne Strom zwischen Reisfeldern, Waldstücken und Gras-Seen, in denen die Menschen ihr Morgenbad nehmen. In der hiesigen Provinz Manoharganj mit ihren 245000 Bewohnern haben nur 23 Prozent Zugang zu sauberem Wasser. Nach Schätzung von Unicef sind 22 Millionen Menschen überwiegend im Nordosten von Bangladesch betroffen.

Die Folgen sind fatal. Die Menschen sterben nicht mehr an Cholera, sondern an Arsen. Nicht nur Krankheit und Tod sind damit in die Dörfer gezogen, sondern auch die ständige Angst.

Überall ist sie präsent. „Nachts kann ich nicht schlafen, weil ich ständig über das Sterben und meine Kinder nachdenke“, sagt Salma Begum, eine junge Mutter. Lange Zeit konnte sie sich die Flecken, die Schmerzen, die schlecht heilenden Wunden nicht erklären. Im Blick haben wir Hossain (6), Nuhun (7), Fahzana (9), Sharmin (11), die gerade ein Hüpfspiel mit Steinen machen. Sie werden bald Halbwaisen sein. „Ich kann nur noch zu Hause bleiben und auf den Tod warten“, sagt Mohammed Kahalal (46), ehedem als Feldarbeiter Hauptversorger seiner Familie.

Auch in der Nachbarschaft zerbrechen Strukturen. Von Dorf zu Dorf. „Viele Menschen sterben und wissen gar nicht woran, zumal sie die Symptome auf der Haut oft verstecken, weil sie sich schämen“, weiß Yakub Hossain, Chef der lokalen Hilfsorganisation VERC, einem Sammelbecken von Menschen der Region, die die Bedingungen rund um die 177 Dörfer der Provinz genau kennen. Bezahlbare medizinische Hilfe gibt es hier nicht.

Die Regierung ist hilflos. Es gibt keine Mittel für Aufklärungskampagnen und andere Wassersysteme. In Partnerschaft zur VERC wollen die Unicef-Logistiker den Kreislauf der Tragödie nach und nach brechen. Fehlendes Internet bedeutet eine Herausforderung an die Strategie vor Ort. Fürs ganze Land gilt: Insgesamt gehen nur fünf Prozent der 158 Millionen Bengalen ins Netz.

„Zunächst wollen wir 450 tiefe Brunnen oder andere Wassersysteme, etwa Anlagen zum Auffangen von Regenwasser, installieren“, sagt Nargis Akter, Wasser-Beauftragte des Unicef-Büros in der Hauptstadt Dhaka. 300 Meter ist die Tiefe einer Bohrung, die unter die arsenhaltigen Gesteinsschichten führt. Allein mit diesem Vorhaben würde man 100000 Menschen Zugang zu sauberem Wasser verschaffen. Das ebenfalls mögliche Hilfsmittel eines Arsen-Filters wird von der einfachen Landbevölkerung nicht akzeptiert, weil deren Wartung extrem kompliziert ist. An der Analyse des Wassers beteiligt sich übrigens auch das Helmholzzentrum für Umweltforschung in Leipzig, das ein neues Verfahren mit Testkit entwickelt hat, das Arsen im Wasser nachweist.

Aufklärung in den Dörfern

Im kleinen Uttah, einer Siedlung von 75 Hütten aus Wellblech und Stroh, hat das Dorfleben völlig neue Impulse bekommen. Die rund 500 Einwohner verfügen seit einer auf 312 Meter tiefen Bohrung (18000 Euro) über arsenfreies Wasser sowie über ein WC-Häuschen (20 Euro) und ein Waschbecken. „Sie haben ein Dorfkomitee gebildet und Aufgaben in der Gemeinschaft verteilt, die Wasser und Hygiene betreffen“, berichtet Nargis Akter. Das Komitee zeichnet verantwortlich für Informationen. Das Kinderhilfswerk schult in der Region 1300 Dorfbewohner mit Kursen zur Planung und Umsetzung von Wasser- und Hygieneprojekten.

Stolz demonstrieren die Einwohner von Uttah, die bislang ihre Notdurft nur im Freien verrichteten, ihren neuen Lebensstandard. Bei unserer Ankunft sitzen rund 70 Frauen, Männer und Kinder zusammen, sie diskutieren gerade ein selbst gemaltes Plakat, das die Wechselbeziehung von fehlender Hygiene und Erkrankung darstellt. So ist etwa eine Fliege auf der gestrichelten Linie zwischen einem Haufen Kot und dem menschlichen Magen zu sehen: „Wir haben erkannt, dass Krankheiten durch Fliegen übertragen werden“, erklärt der 60-jährige Komitee-Chef Abul Hasem Bhyigon.

Schon ein Durchfall führt zum Tod

Die 19-jährige Shalmin ist eine der Multiplikatoren, die fünf Familien informiert und kontrolliert, etwa beim Händewaschen: „Das Bewusstsein muss wachsen, dass schmutzige Hände krank machen“, sagt die junge Frau mit einfachen Worten. Denn die Immunkräfte der Menschen sind gering. Schon ein Durchfall kann zum Tode führen. Allein daran sterben nach Unicef-Angaben Jahr für Jahr rund 20000 Kinder. Dabei ließe sich allein durch Händewaschen mit Seife die Zahl der Durchfallerkrankungen um rund 45 Prozent senken, weiß das Kinderhilfswerk.

Rund um den neuen Brunnen mit dem grünen Hahn hat sich fast die komplette Dorfgemeinschaft versammelt und bewundert die neue Farbe — denn der alte Hahn war rot, will heißen: Arsenverseucht.

So, wie es Shabiqah Rahmann nie anders erlebt hat. Der Mann, der deutlich älter als 60 Jahre ist, liegt einige Meter weiter in seiner Hütte im Sterben. Die Folgen des Arsens haben schlimme Spuren hinterlassen: Rahmanns Fingerkuppen sind abgestorben und verstümmelt, an beiden Füßen fehlen ihm zwei Zehen, die Haut ist mit Pusteln übersät, sein Körper abgemagert, das Gesicht voller kleiner Geschwüre: „Ich fühle mich geschwollen an“, übersetzt unser Dolmetscher Iftikhar, Lehrer an der Goethe-Schule in Dhaka, die Worte des Todkranken. Er sitzt auf seiner Pritsche, hat die Beine angezogen, versteckt die schrecklichen Ekzeme unter einem traditionellen Lungirock.

Wasser und Hygiene in Bangladesch. Hier der nahende Tod. Dort die Hoffnung. So etwa an der Primary School von Rektor Mohammed Hogue Patwari, dessen 450 Schüler sich an diesem Nachmittag versammelt haben, um eine Schultoilette jeweils für Mädchen und Jungen sowie zwei Waschbecken einzuweihen. Wie in den Dörfern werden auch in der Schule dafür Strukturen geschaffen — der elfjährige Saisul Islam wurde zum „Hygiene-Beauftragten“ bestimmt: „Ich zeige meinen Mitschülern, wie man ein WC sauber hält und wie man sich richtig die Hände wäscht“, sagt das Kind mit verantwortungsvoller Miene. Und schiebt ein Lachen nach: „Das ist aber kein Problem. Denn alle wollen, dass wir uns sauber halten.“

Spendenkonto 331900, Sparkasse Aachen, Empfänger Unicef