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Heidelberg: Positives Denken kann man lernen

Heidelberg : Positives Denken kann man lernen

Seit einem Jahr werden Schüler der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg im Fach Glück unterrichtet. Mental- und Entspannungstrainer, Schauspieler und Professoren gehen in den beteiligten Klassen ein und aus, um beim Erlernen von Heiterkeit und Zufriedenheit Hilfestellung zu leisten.

Das Fazit von Schulleiter Ernst Fritz-Schubert ist positiv. „Die Schüler haben den Unterricht als große Bereicherung wahrgenommen”, sagt der Oberstudiendirektor. Darauf deuten auch wissenschaftliche Untersuchungen hin. Inzwischen gibt es auch eine Nachahmerschule.

Fritz-Schubert hat inzwischen eine eigene Definition für Glück gefunden, die jenseits der Vorstellung vom permanenten Hochgefühl liegt: „Glück ist für mich ein Idealzustand, der durch sinnvolles Leben und sinnvolles Erleben erreicht wird.” Dem Pädagogen, in dessen Schule im abgelaufenen Schuljahr sowohl Berufsfachschüler als auch Gymnasiasten das Fach Glück wählen konnten, merkt man an, dass er schon oft gefragt wurde, was Glück ausmacht. „Anerkennung, Bindung und Neugier” sind für ihn die Grundmotive für das Glücklichsein. Ein starkes Selbstvertrauen, aber auch mehr Eigenkontrolle und Sensibilität sind Zutaten.

Gepaukt haben dies auf der Grundlage jeweils eigener Unterrichtskonzepte 18 Schüler des Wirtschaftsgymnasiums der Willy-Hellpach-Schule und mehr als 30 Teilnehmer der zweijährigen Berufsfachschule. In den Seminaren für die Gymnasiasten standen zunächst Themen wie Selbsterfahrung, Zielfindung und Philosophie auf dem Lehrplan. Danach arbeiteten die Schüler das Thema Glück selbstständig in Projekten auf, wobei neurobiologische und hormonelle Aspekte genauso betrachtet wurden wie Zusammenhänge zwischen Glück und Extremsport, Musik oder Religion.

Die Hauptschulabsolventen machten sich dagegen in Sachen Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Lebensfreude schlau - „nicht auf kopflastige Weise”, wie Fritz-Schubert betont, sondern etwa mit Hilfe von Konzentrations- und Entspannungsübungen, letztere „zum Abbau von Blockaden”. „Hinterher hat sich die Trefferquote beim Basketball deutlich erhöht”, berichtet der Schulleiter. Auffällig für die teilweise aus schwierigen Familienverhältnissen stammenden Teilnehmer sei auch „die exzellente Heftführung” gewesen. Der Unterricht musste fortlaufend dokumentiert werden, was die Schüler offenbar mit Begeisterung und viel Kreativität taten.

Sind die Schüler nun glücklicher als vorher? Dies untersucht unter anderen der österreichische Sozialwissenschaftler Ernst Gehmacher. Bei einem Vergleich der Unterrichtsteilnehmer mit anderen Schülern der gleichen Jahrgangsstufe auf Basis einer anonymen Befragung schnitten die „Glücksschüler” deutlich besser ab als die Kontrollgruppe. 80 Prozent der Schüler aus der Glücksgruppe gaben etwa an, ihr Handeln als sinnvoll zu empfinden, während dies nur auf 33 Prozent der übrigen Schüler zutraf.

Fritz-Schubert betrachtet die wissenschaftlichen Ergebnisse zwar mit Skepsis: Schließlich sei nicht auszuschließen, dass das freiwillige Unterrichtsangebot eher von Schülern wahrgenommen werde, die ohnehin glücklicher seien als andere. Die Untersuchung deute aber darauf hin, dass der Unterricht den Schülern etwas bringe. Eine junge Muslimin habe etwa nach dem Unterricht für sich das Fazit gezogen, dass sie sich nun eher traue, ihre Meinung zu sagen. Auch habe er den Eindruck, dass die Teilnehmer sensibler geworden seien. Für das kommende Schuljahr haben sich bereits mehr Berufsfachschüler für das Fach angemeldet als im Startjahr.

Und ein neues Privatgymnasium in Weinheim an der Bergstraße hat sich vorgenommen, die Heidelberger Lehrpläne zu übernehmen. Dort soll ab Herbst schon in der fünften Klasse Glück auf dem Stundenplan stehen. Fußballbundesligisten, darunter 1899 Hoffenheim und der FC Schalke 04, bieten den Unterricht inzwischen ebenfalls in ihren Internaten für Nachwuchsspieler an. Vielleicht helfen die erlernten Glücksformeln ja beim Schießen von Toren.