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Aachen: Pocher: „Geht doch reiten, Ihr Aachener!”

Aachen : Pocher: „Geht doch reiten, Ihr Aachener!”

Dass Oliver Pocher auf dem kürzesten Weg zum Gag genüsslich Grenzen überschreitet, ist hinlänglich bekannt. Wenn er als „Linecutter” im US-Freizeitpark die Schlange abkürzt, von Sicherheitsleuten gestellt und mit erhobenen Armen wie ein Schwerbrecher abgeführt wird, ist das für den 30-jährigen Comedy-Star ein Fest - vor allem wenn eine Kamera mitläuft.

Und die 1600-köpfige Fan-Gemeinde feierte am Samstagabend live mit, als Pocher die Bilder bei seiner Show „Gefährliches Halbwissen” im ausverkauften Eurogress in Aachen präsentierte.

Gefährlich wird´s vor allem beim direkten Kontakt mit dem schlagfertigen Raab-Ziehsohn und schlauen Schmidt-Partner: Wenn Pocher in der ersten Publikumsreihe genüsslich erst die Fotografin dieser Zeitung, dann weitere Gäste ins Frage-und-Antwort-Spiel lockt, zündet sein genial-spontaner Wortwitz.

„Ach so, Du bist mit Schwager hier, weil Deine Frau Mario Barth lieber mag”, entgegnet er etwa seinem Zuschauer Norbert. „Na dann rufen wir die doch gleich mal an.”

Im Live-Telefonat mimt Pocher dann den „Icke-Kennsste”-Comedy-Weltrekordler Barth so sagenhaft, dass die Frau tatsächlich glaubt, mit dem Berliner Superstar verbunden zu sein und alle vollends aus der Fassung geraten, als sich Pocher outet.

Als später ein Zwischenrufer den Fußball-Fanatiker Pocher an die 5:2-Schlappe seines Heimatclubs Hannover 96 gegen Hoffenheim erinnert, schlägt der im stilisierten Boxring auf der Bühne schadenfroh zurück. „Geht doch reiten, Ihr Aachener, da seid Ihr wenigstens 1. Liga! Da kommt Schockemöhle auf Gisela am Barren.” Und trabt wiehernd auf und ab. „Interaktiv” hieß die Sendung, die 1999 seinen Durchbruch bei Viva ermöglichte.

Lacher von Angesicht zu Angesicht - das kann er am besten. Das brachte ihm etliche Preise ein. Dem jungen Aachener Publikum bringt das - abzüglich 30-minütiger Pause - gut zweieinhalb Stunden Zwerchfell-Massage. Zuweilen massiv unter der Gürtellinie.

Verbale Tiefschläge kassieren Amerikaner, Türken, Osama, Batman, McGyver und Dr. House. Aber auch TV-Kollegen wie Michael Mittermeier und eben Mario Barth. Grenzwertig dreist, wie gerade Pocher auf das „Proll-Publikum” seiner Kollegen prügelt. Und wie er dann selbst aus der Bibel eine inzestuöse „Sodom und Gomorrha”-Interpretation zitiert.

Der gelernte Versicherungskaufmann kann im Eurogress nicht mit geplanten Anekdoten, mit amüsanten Zwischentönen und rhetorischer Finesse punkten. Das können andere Comedians viel besser.

Pocher gewinnt, weil er die selbst erfragten Geschichten aus dem Publikum wie einen gerade geknüpften roten Faden immer wieder mit seinem Programm verwebt. Das fesselt bis zum umjubelten Finale: Als „Morta Della” bewegt Pocher in Uri-Geller-Manier erst Aufzüge und Rolltreppen, dann das Publikum beim Schluss-Song auf seine ganz eigene Art zu „Standing Ovations”: „Jetzt mal alle auf..!” Und das steht ihm.