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Oberammergau: Passionsspiele Oberammergau: Darf Jesus auch nachts sterben?

Oberammergau : Passionsspiele Oberammergau: Darf Jesus auch nachts sterben?

Über dem weltbekannten Passionsspiel von Oberammergau braut sich, wieder einmal, Unheil zusammen. Die längst fälligen Vorbereitungen für die gut hundert Aufführungen im Jahr 2010 verzögern sich. Und, wichtiger noch, der erfolgreiche Spielleiter Christian Stückl überlegt, als Regisseur für das Spiel vom Leiden und Sterben Jesu Christi hinzuschmeißen.

„Mich nervt es so, dass ich den Rücktritt erwäge”, sagt der Intendant des Münchner Volkstheaters. Was ihm auf die Nerven geht, ist die Absicht von Oberammergauer Bürgern, die von ihm vorgeschlagene Verlegung der Inszenierung in die Nacht hinein durch ein Bürgerbegehren zu kippen. Stückl will die Aufführungen künftig später beginnen und bis in den dunklen Abend ausdehnen, um die Qualität des Spiels zu steigern. Durch spezielle Lichteffekte in der Dunkelheit möchte der Spross einer einheimischen Schauspielerdynastie Kreuzweg und Kreuzigung noch dramatischer gestalten. Bisher war immer tagsüber gespielt worden. 2006 hatte sich auf einer Bürgerversammlung eine große Mehrheit für seinen Plan ausgesprochen, auch der Gemeinderat hatte mit 14:5 Stimmen für Stückls Plan votiert.

Doch erst jetzt haben sich die Gegner besonnen und blasen zum Angriff. „Den Bürgern ist erst so langsam bewusst geworden, was es für sie persönlich bedeutet”, erläutert Florian Streibl. Der Sohn des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl und Gemeinderat der Wählerliste „Für unser Dorf” ist der Wortführer der Nachtspielgegner. Etliche Vermieter befürchten erheblich mehr Arbeit, wenn die Gäste erst um 14.30 Uhr ins Theater gehen und spät abends zurückkommen oder in der Dunkelheit womöglich ihr Quartier nicht mehr finden. Außerdem monieren sie, dass das abendliche Spiel wegen erhöhter Energiekosten für Beleuchtung und Fußbodenheizung viel mehr Geld koste.

„Ich höre Argumente, da zieht´s mir die Schuhe aus”, ärgert sich Stückl. Und auch der Oberammergauer Bürgermeister Rolf Zigon (CSU) ist verstimmt: „Oberste Priorität muss die Qualität der Aufführung sein” und nicht etwa die Frage, „wie viele Zimmermadln es morgens braucht, um die Betten zu machen”. Eine Entscheidung gegen das Nachtspiel bedeute zudem erheblichen finanziellen Schaden, da das Marketing auf Grundlage der geänderten Aufführungszeiten bereits begonnen habe. Ob der eventuelle Einnahmeverlust als Grund dafür herhalten könnte, das beantragte Bürgerbegehren für unzulässig zu erklären, will der Gemeinderat in einer Sondersitzung an Mittwoch klären.

In Sachen Bürgerentscheid sind die Oberammergauer Spitzenreiter. Kaum war das neue Instrument der Basisdemokratie 1995 in Bayern eingeführt, gab es im Dorf 1996 schon den ersten Entscheid - natürlich um das Passionsspiel. Nach welchem Text und welcher Musik es im Jahr 2000 aufgeführt werden sollte, war die Frage. Die Bürger entschieden sich für die traditionelle Fassung. Den Bürgerentscheid über die Besetzung des Spielleiterpostens dagegen gewann Modernisierer Stückl, der das Passionsspiel behutsam fortentwickeln will.

Weitere Abstimmungen folgten, zum Beispiel über die Gestaltung der neuen Fassade des Passionstheaters. Ganz ohne Entscheid dagegen beschloss der Gemeinderat 1997 eine bedeutsame Liberalisierung: Auch Ausländer und Angehörige nichtchristlicher Religionen dürfen seitdem am Spiel mitwirken. Vorausgesetzt ist allerdings, sie haben von Geburt an ihren Hauptwohnsitz in Oberammergau, denn diese Vorschrift gilt für alle. Sieben Jahre zuvor, als es noch keinen Bürgerentscheid gab, wandten sich die streitbaren Damen der „Frauenliste Oberammergau” notgedrungen ans Gericht. Sie erkämpften für verheiratete Frauen und „weibliche Personen über 35 Jahre” das Recht, beim Passionsspiel mitwirken zu können, was bis dahin verboten war.

Immer wieder gab und gibt es in dem oberbayerischen Dorf der Herrgottschnitzer heftigen Streit zwischen Traditionalisten und Modernisierern. Die Oberammergauer hängen an ihrem Passionsspiel, an dem die meisten von ihnen auf oder hinter der Bühne mitwirken und häufig den allerersten Auftritt bereits als Kleinkind bei den Massenszenen hatten. Das auf ein Pestgelübde zurückgehende, seit 1634 regelmäßig aufgeführte Spiel ist ihr wertvollster Schatz. Abgesehen vom künstlerischen Erfolg beschert es der Gemeinde alle zehn Jahre einen satten Millionengewinn. Trotz oder vielleicht gerade wegen der andauernden Scharmützel um die Passion schafft das weltberühmte Laienschauspiel aber auch Zusammenhalt im Dorf. Der aktuelle Streit könnte freilich die Passion 2010 ernsthaft gefährden.