1. Panorama

Rom/Aachen: Papst Franziskus mit Karlspreis ausgezeichnet

Rom/Aachen : Papst Franziskus mit Karlspreis ausgezeichnet

„Es hat wunderbar geklappt“, sagt Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp unmittelbar nach der Karlspreisverleihung im Gespräch mit unserer Zeitung. War er nervös bei dem großen Ereignis in Rom, als dem Papst am Freitag der Internationale Karlspreis zu Aachen in der Sala Regia des Vatikans verliehen wurde?

„Der Papst nimmt einem schon etwas die Nervosität,“ schildert Philipp seine unmittelbare und beruhigende Erfahrung mit Papst Franziskus.

Der neue Karlspreisträger hatte eine ganz besondere, eine ihm auch ganz besonders wichtige Botschaft: Tut etwas für die jungen Leute in Europa! Lasst das nicht so weiterlaufen! In seiner Rede stellt Franziskus eine für die Zukunft Europas überlebenswichtige Frage: „Wie können wir unsere jungen Menschen am Aufbau teilhaben lassen, wenn wir ihnen die Arbeit vorenthalten? Wie können wir behaupten, ihnen die Bedeutung von Protagonisten zuzugestehen, wenn die Quoten der Arbeitslosigkeit und der Unterbeschäftigung von Millionen von jungen Europäern ansteigen?“ Diese Fragen klingen wie eine Anklage.

Wer den jungen Menschen keine Werte und keine Chancen vermittele, laufe Gefahr, dass sie sich auf der Suche nach Idealen und nach einem Zusammengehörigkeitsgefühl anderswohin orientierten. „Unsere jungen Menschen spielen eine dominierende Rolle. Sie sind nicht die Zukunft unserer Völker, sie sind ihre Gegenwart. Schon heute schmieden sie mit ihren Träumen und ihrem Leben den europäischen Geist.“

Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, unterstützt Franziskus bei dem so wesentlichen Thema. „Wir haben die am besten ausgebildete Generation, und es darf nicht sein, dass diese jungen Menschen in Europa keine vernünftige Arbeit bekommen.“ Schulz wiederholt diesen Aspekt am Freitag immer wieder. Er appelliert auch an die Nationalstaaten, endlich etwas Wirksames gegen die Jugendarbeitslosigkeit zu tun. Ein weiterer Aspekt der Karlspreisverleihung ist die Migration, ist das Schicksal der Flüchtlinge. Alle Redner kritisieren die Reaktion der meisten europäischen Länder darauf.

Papst Franziskus formuliert das so: „Ich träume von einem Europa, in dem das Migrantsein kein Verbrechen ist, sondern vielmehr eine Einladung zu einem größeren Einsatz mit der Würde der ganzen menschlichen Person.“ Die europäische Identität sei immer dynamisch und multikulturell gewesen. Er träume auch von einem Europa der Familien mit einer „echt wirksamen Politik, die mehr in die Gesichter als auf Zahlen blickt und mehr auf die Geburt von Kindern als auf die Vermehrung der Güter achtet“.

Und ganz klar fragt der Papst: „Was ist mit dir los, humanistisches Europa, Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit?“ Europa verschanze sich, statt neue Dynamiken in der Gesellschaft zu fördern. Franziskus fordert eine Kultur des Dialogs, die uns helfe, den „Anderen als ebenbürtigen Gesprächspartner anzuerkennen“. Die Kultur des Dialogs müsse in alle schulischen Lehrpläne aufgenommen werden.

Für den Aachener Oberbürgermeister ist Franziskus „ein großes Glück“. Der Papst blicke ohne „Wohlstandsschleier auf Europa“. Und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagt an diesem außergewöhnlichen Tag in Rom, dass ein „Rückzug in unsere eigene Behaglichkeitszone“ keine Lösung sei. „Das europäische Projekt ist aktueller denn je!“ Marcel Philipp fasst den Tag zusammen: „Der Papst hat sich bei uns bedankt, es war eine große Ehre, dass wir das so machen durften hier in Rom.“

Den stärksten Beifall gibt es bei der Begrüßung der Ehrengäste für Bundeskanzlerin Angela Merkel, das ist fast demonstrativ. Elf ehemalige Karlspreisträger und der spanische König Felipe sind nach Rom gekommen. Auch NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gehört zu den Gästen, wird aber nicht offiziell begrüßt.