Hamburg: Osdorf trauert um Baby: Wut und Schmerz wiegen schwer wie ein Stein

Hamburg: Osdorf trauert um Baby: Wut und Schmerz wiegen schwer wie ein Stein

Kerzen und Steine - Symbole für Trauer, Wut, aber auch christliche Hoffnung: Bei einer Andacht in der Kirche von Hamburg-Osdorf erinnern am Donnerstagabend rund 200 Nachbarn an den gewaltsamen Tod des kleinen Babys vor knapp einer Woche. „Wut und Trauer wiegen schwer wie ein Stein”, sagt Pastorin Birgitt Lang.

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Elisabeth Waller spendet sie weinenden Nachbarn Trost, spricht mit Kindern und Eltern aus der Siedlung, gibt den Menschen Gelegenheit zum Gedankenaustausch über das schreckliche Verbrechen. Das Baby starb am Samstag, als es kurz nach seiner Geburt aus der Wohnung im 10. Stock eines Hochhauses geworfen wurde. Die 26 Jahre alte Mutter sitzt seit Mittwoch in Untersuchungshaft. Sie steht im Verdacht, ihr Kind getötet zu haben. Zunächst hatte die Frau erklärt, ihr Freund habe das Baby in die Tiefe geworfen.

Rund 300 Menschen kommen trotz strömenden Regens in die kleine Maria-Magdalena-Kirche in Hamburg-Osdorf. „Das kleine Mädchen starb noch ohne Namen”, sagt Pastorin Waller, bittet dann die Besucher, ihre Gedanken auf Zettel zu schreiben oder auch dem Kind einfach einen Namen zu geben. „Ich habe Dir bei mir einen Namen gegeben und Dich erlöst”, beten die Pastorinnen. Die beiden finden eine Balance zwischen Erinnerung und Halt für die ratlosen Familien. Statt einer rührseligen Trauerandacht oder anklagenden Fragen nehmen sie die Bewohner an die Hand oder in den Arm.

Auf den Zetteln, die beide Pastorinnen verteilen, drücken viele Besucher ihre Emotionen aus. „Ein Ende ohne Anfang”, schreibt ein kleines Mädchen auf das Papier. Wesentlich aggressiver sind einzelne andere Beiträge. Insgesamt überwiegen Trauer und Fassungslosigkeit. „Warum nur musste ein Leben, das gerade erst begonnen hatte, auf diese grausame Weise zu Ende gehen?”, heißt es in einem weiteren Beitrag. In der Mitte des Kirchenschiffs zünden die Besucher Kerzen an, legen Steine auf den Boden, die für Wut und Ratlosigkeit nach der grausamen Tat stehen sollen.

Auf der Wiese vor dem Hochhaus, wo das kleine Mädchen kurz nach seiner Geburt zu Tode kam, liegen täglich mehr und mehr Blumen, Plüschtiere und Erinnerungskarten. „Wir geben Dir den Namen Laura Stern”, haben Kinder geschrieben.

Wann das kleine Mädchen beerdigt wird, steht noch nicht fest. „Wir wünschen uns, dass alle ein bisschen zur Ruhe kommen können”, sagen die beiden Pastorinnen. Sie wehren sich gegen Pauschalurteile über den Stadtteil und die negative Darstellung als sozialen Brennpunkt. „Das war ein absoluter Einzelfall”, sagt Pastorin Lang.

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