1. Panorama

Potsdam: Ort des Grauens: KGB-Gefängnis wird nationale Gedenkstätte

Potsdam : Ort des Grauens: KGB-Gefängnis wird nationale Gedenkstätte

Es ist kalt und klamm in der engen Zelle, kein Sonnenstrahl dringt herein. An der Wand zahlreiche Zeugnisse einer Zeit, in der dies ein Ort unvorstellbarer Grausamkeit war. „Erika Sagert, 25 J.” steht da eingeritzt in die kahle Mauer des einstigen KGB-Gefängnisses in Potsdam. 25 J.: 25 Jahre sibirisches Arbeitslager. Voller Verzweiflung hatte Sagert ihr Urteil verewigt, mit ziemlicher Sicherheit war sie ohne jegliche Schuld.

„Zumeist waren es völlig absurde Vorwürfe, für die der KGB unter massiver Folter Geständnisse erpresste”, sagt der Direktor der Berliner Stasi-Opfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe. Er ist Vorsitzender des Expertengremiums für die Einrichtung einer Gedenk- und Begegnungsstätte in dem früheren KGB-Gefängnis, die in einem Jahr eröffnet werden soll.

Am 21. Mai ist Start für Baumaßnahmen und Sanierung. „Dieses Gebäude ist ein einzigartiges Zeugnis der sowjetischen Repressionsmaschine”, betont Knabe. Beklemmung macht sich breit beim Gang durch die Flure, eine Zellentür neben der anderen. Der feuchte Keller, ein Verlies. Wenige Quadratmeter groß die etwa 30 Hafträume, auf nackten Pritschen mussten einst eng gedrängt mehrere Gefangene versuchen, Schlaf zu bekommen. „Wir waren eingemauert, es brannte Tag und Nacht das Licht”, erinnert sich Hermann Schlüter, der als 15-Jähriger in das Gefängnis kam - weil er den Russischunterricht verweigerte. „Ich hatte ständige Todesangst.” Schließlich waren drei mit ihm verhaftete Klassenkameraden erschossen worden, er selbst wurde zu 20 Jahren Arbeitslager begnadigt.

Der heute 77-Jährige kam zwar nicht nach Sibirien, brachte aber fünf Jahre in Gefängnissen zu, zuletzt in Bautzen. Nein, gebrochen habe ihn diese Zeit nicht. „Ich war jung und habe immer daran geglaubt, lebend da raus zu kommen.” Unter den Inhaftierten waren auch Frauen, denen der Geheimdienst Spionage vorwarf oder Männer wegen angeblicher „antisowjetischer Propaganda”. An ihre Leiden erinnert heute der „Wiederbelebungsraum”, in dem bewusstlos gefolterte Gefangene unter der eiskalten Dusche wieder aufgeweckt wurden - um sie weiter zu malträtieren.

Ebenso erhalten ist der Straf-Karzer aus Beton von der Größe einer Telefonzelle. Das Gefängnis, einst ein Pfarrhaus, lag inmitten des völlig abgeriegelten „KGB-Städtchens” in Potsdam. Zwischen 1945 und 1953 diente es als Durchgangsort auf dem Weg in die sibirischen Arbeitslager. „Wir wissen bis heute nicht, wie viele Menschen durch dieses Gefängnis gingen”, sagt Knabe. Nach 1953 war in dem Gebäude in unmittelbarer Nähe des Neuen Gartens eine militärinterne Haftanstalt. 1994 zog der Geheimdienst ab.

An der Fassade bröckelt der Putz, Schimmel breitet sich aus. „Es war der letzte Zeitpunkt, dieses historische Zeugnis noch zu retten”, sagt Peter Leinemann, Geschäftsführer des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins, dem Eigentümer des Hauses. Er meint damit die Zusicherung von Bund und Land über jeweils 900.000 Euro für eine nationale Gedenkstätte. Für die Gedenkstätte soll ein kleiner Neubau mit Veranstaltungs- und Vortragsraum errichtet werden.

Nach dem ersten Spatenstich für das rund 2,4 Millionen Euro teure Projekt ist am 3. Juli die Grundsteinlegung mit Landesbischof Wolfgang Huber. Die Eröffnung ist für Mai 2008 geplant. Wichtiges Ziel ist für Leinemann, „dass die Gedenkstätte den Blick schärft auch für das gegenwärtige unmenschliche Geschehen an anderen Orten der Welt.”