1. Panorama

Berlin: Operation Süßigkeiten: Erinnerungen des Candy-Bombers Gail Halvorsen

Berlin : Operation Süßigkeiten: Erinnerungen des Candy-Bombers Gail Halvorsen

Die Erinnerung kommt beim Landeanflug. Schweigend blickt der alte Pilot aus dem Fenster der silbernen DC-3- Maschine, die ihn brummend über Berlin trägt. Gemeinsam mit anderen US-Veteranen ist Gail Halvorsen vor wenigen Minuten vom Flughafen Schönefeld aufgebrochen.

Für einen Erinnerungsflug zum 60. Jubiläum der Berliner Luftbrücke. Gleich werden sie in Tempelhof landen, auf dem Flughafen, an dem die Geschichte begann, die weltweit zum Symbol der über einjährigen Hilfsaktion wurde: Die Geschichte vom „Candy- Bomber”, der Bonbons, Schokolade und Kaugummi vom Himmel über Berlin regnen ließ.

Der 87-Jährige schließt die Augen. In Gedankenfetzen sieht er ausgebombte Häuser unter sich vorbeiziehen, ohne Dach und Fenster. Dazwischen Berge von Mauerschutt. Und plötzlich, an einem Stacheldrahtzaun, der die Wohngebiete von der Landebahn des Ziel- Flughafens Tempelhof trennt, eine Gruppe Kinder. Lachend hüpfen sie am Boden, die Hände winkend zum Himmel gestreckt. Es war im Juli 1948, die Zeit der Berlin-Blockade durch die sowjetische Besatzung, als der junge Pilot Halvorsen diese Kinder zum ersten Mal sah.

„Die Kinder waren es, die mich auf die Idee mit den Süßigkeiten brachten. Ohne sie wäre das ganze nie passiert.” Gail Halvorsen, blaue Augen, eine dunkle Schirmmütze auf dem kahlen Kopf, steht nach der Landung an einer großen Fensterfront im Inneren des Flughafens Tempelhof. Gedankenverloren blickt er auf die Rollbahn, auf der die DC-3 jetzt in den Hangar gezogen wird. Vor rund 60 Jahren stand er mehrere Hundert Meter weiter, am Stacheldrahtzaun am anderen Ende des Rollfeldes. Weil er Filmaufnahmen machen wollte, von der Landung seiner Kameraden, mit denen er seit Tagen über die zerbombte Stadt flog, um den rund zwei Millionen West-Berlinern Mehl, Milch und Kohle zu bringen. Dreimal am Tag, jeden Tag, von der Rhein-Main-Airbase in Frankfurt am Main.

„Rund 30 Kinder hatten sich am Zaun versammelt, um die Landeflüge zu beobachten”, erzählt Halvorsen. Mulmig sei ihm geworden. Immerhin trug er die Uniform derer, die noch vor wenigen Jahren Bomben auf ihre Häuser warfen. Doch er sprach sie an, sagte auf Deutsch: „Guten Tag, wie gehts?”, die einzigen Worte, die er bisher in seiner kurzen Zeit im Land gelernt hatte. Das Eis war gebrochen. In holprigem Schul-Englisch fingen die Kinder an, zu erzählen. Und sie sagten Dinge, die den jungen Piloten aus Salt-Lake-City tief beeindruckten.

„Sie erzählten von ihren Verwandten im Ostteil der Stadt, die nicht frei sagen dürfen, was sie denken. Sie erzählten, wie wichtig ihnen Freiheit ist, die Freiheit, ihre Gedanken ohne Angst zu äußern. Kinder zwischen acht und 14 Jahren!” Als der Pilot nach einer Stunde gehen wollte, bemerkte er, dass etwas anders war bei dieser Begegnung, anders als sonst, wenn Kinder Amerikaner in Uniform trafen. „Plötzlich fiel mir auf, dass diese Kinder nicht um Schokolade gebettelt haben. Sondern nur um ihre Freiheit.”

Aus diesem Grund wollte Halvorsen den Kindern etwas schenken. Er durchwühlte seine Taschen, doch alles was er fand, waren nur zwei Streifen Kaugummi. Obwohl er Angst hatte, dass sich die Kinder prügeln, brach er die Streifen in Stücke und verteilte sie an vier von ihnen. Und die anderen? „Die stritten sich nicht, sondern nahmen das Verpackungspapier und rochen daran. Und lächelten selig. Da habe ich gewusst: Du musst etwas tun.”

„Wenn ich das nächste Mal nach Berlin fliege, werde ich aus meinem Flugzeug Süßigkeiten abwerfen”, verkündete er den erstaunten Kindern. Dann breitete er demonstrativ die Arme aus und schwenkte sie vor den jubelnden Kindern hin und her. „Damit ihr mich erkennt, werde ich mehrmals mit den Flugzeug-Flügeln wackeln.” Zurück in der Frankfurter Airbase sammelte er unter seinen Kameraden Süßigkeiten und packte Päckchen. Damit sie bei der Landung niemanden verletzen, befestigte er sie an Taschentüchern. Beim seinem nächsten Flug nach Tempelhof warf er sie ab.

Der Plan funktionierte einige Wochen lang - bis einem Journalisten eins von Halvorsens Päckchen fast auf den Kopf fiel. Die geheime Operation flog auf, Halvorsen wurde von seinem Vorgesetzten ins Büro zitiert - und durfte weitermachen. „Der zuständige General war begeistert, es gab eine Pressekonferenz”, erzählt Halvorsen und lächelt. Die „Operation Little Vittles” - Operation kleiner Proviant - wie sie in der englischsprachigen Presse von da an genannt wurde - war geboren.

Halvorsen bekam zwei Sekretärinnen gestellt, die sich fortan um die zunehmenden Spenden kümmern und Briefe von Kindern beantworten sollten. Die stapelten sich mittlerweile am Flughafen, adressiert an den „Schokoladenflieger” oder an „Onkel Wackelflügel”. Bis zu 20.000 Tonnen Süßigkeiten und Kaugummi warfen Halvorsen und andere Piloten in den folgenden Monaten über den abgeriegelten Berliner Westen ab. Dabei bemühten sie sich, die zahlreichen Bitten in den Briefen zu erfüllen. Einige Kinder zeichneten sogar Karten, auf denen genau gezeigt wurde, wo die Piloten die Päckchen abzuwerfen hatten. Doch das gelang nicht immer.

Wie bei Mercedes Simon. „Wir wohnen ganz nah am Flughafen Tempelhof, und wenn Sie so tief über unser Haus kommen, erschrecken Sie die Hühner bei uns auf dem Hof. Einige legen keine Eier mehr”, schrieb sie als siebenjähriges Mädchen an den Schokoladen-Piloten. Als Wiedergutmachung schlug sie vor: „Achten sie doch beim nächsten Mal auf unseren Hof mit den weißen Hühnern und werfen dort auch mal Süßigkeiten ab.” Halvorsen hat den Hof trotz intensiver Suche nicht gefunden. Daher schickte er per Post einen Lutscher und einen Kaugummi.

„An dem Kaugummi habe ich nur gerochen und ihn dann verschenkt, weil ich nicht wusste, was es war. Aber seit diesem einen Himbeerlutscher ist Himbeere mein Lieblingsgeschmack”, erzählt Mercedes. Das Mädchen von damals ist mittlerweile 67 Jahre alt, heißt mit Nachnamen „Wild” und steht jetzt neben Gail Halvorsen vor dem Fenster am Rollfeld des Flughafens Tempelhof. „Die Piloten waren für uns damals sehr wichtig”, erzählt die kleine Frau mit dem Dutt und der Goldrand-Brille auf der Nase. „Viele von uns Kindern hatten ja ihre Väter verloren. Und da kamen die Piloten, beschützten uns vor den Russen und warfen Schokolade vom Himmel.” Aus der Vaterfigur ist inzwischen ein guter Freund geworden.

Viele Male ist Halvorsen seit der Zeit der Luftbrücke nun schon in Berlin gewesen, zusammen mit seiner Frau Alta und seinen fünf Kindern. Das erste Mal in den 1970ern, für vier Jahre als amerikanischer Kommandant am Flughafen Tempelhof. „Berlin ist meine zweite Heimat. Die Menschen hier bedeuten mir sehr viel”, sagt der alte Pilot. Dann, leise: „Und das alles nur, wegen zwei Streifen Kaugummi.”