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Bonn: Oh Tannenbaum: Weihnachtsbräuche im Wandel der Zeit

Bonn : Oh Tannenbaum: Weihnachtsbräuche im Wandel der Zeit

Maria, Josef und das Jesuskind in der Krippe unterm Tannenbaum - was heute zu jedem deutschen Weihnachtsfest gehört, wäre vor knapp zwei Jahrhunderten undenkbar gewesen.

Denn damals waren sich Protestanten und Katholiken überhaupt nicht grün, weshalb der Tannenbaum in katholischen Stuben auch nichts zu suchen hatte. „Er galt als typisch evangelische Erfindung, die auf Luther zurückging”, erzählt der Bonner Volkskundler Alois Döring. „Weshalb die Katholiken lieber Krippen aufstellten als einen Tannenbaum.”

Grund dazu hätten sie nicht gehabt. Denn laut Döring hat die Entstehung des Weihnachtsbaumes genauso wenig mit Luther zu tun wie mit heidnischen Kulten. Döring muss es wissen, er beschäftigt sich schon seit 27 Jahren beim Amt für rheinische Landeskunde des Landschaftsverbandes Rheinland mit der Kulturgeschichte der Bräuche. „Erste Zeugnisse für Weihnachtsfeiern mit Tannenbaum finden wir im 16. Jahrhundert im Elsass, wo ein Stadtrat ihn aufgestellt haben soll”, erzählt der Volkskundler.

In Mode kam der Weihnachtsbaum aber erst um 1800, als protestantische Familien ihn sich ins Wohnzimmer stellten. Und später behaupteten, dies in guter evangelischer Tradition zu tun. Sie verwiesen dabei auf ein Gemälde des Weimarer Hofkupferstechers Carl August Schwerdgeburth (1785-1878), das Luther und seine Familie in trauter Eintracht hinter einem Tisch mit einem kleinen, geschmückten Weihnachtsbaum zeigt.

Darunter steht „Luther mit seiner Familie am Christabend 1536 zu Wittenberg”. Entstanden ist das Bild allerdings erst 1843 und entsprang laut Döring einer Lutherverklärung, der damals auch offensichtlich Schwerdgeburth verfallen war. „Die Katholiken spotteten über den Lutherkult ebenso wie über den evangelischen Tannenbaumbrauch und bezeichneten den Protestantismus sogar als Weihnachtsbaumreligion”, erzählt der Bonner Volkskundler.

Allerdings nicht lange, denn schon Ende des 19. Jahrhunderts hielt der geschmückte Baum auch in katholische Wohnzimmer Einzug. „Entscheidend für seine Verbreitung war der deutsch-französische Krieg von 1870”, berichtet Döring. „Damals wurden auf Anweisung der Heeresleitungen in den Schützengräben Weihnachtsbäume aufgestellt als Zeichen der Verbundenheit mit der Heimat.”

Diese Aktion wirkte offensichtlich weit in die Welt hinaus. Denn der erste öffentliche, auf einen Platz ausgestellte und mit Lichtergirlanden geschmückte Baum stand an Weihnachten im Jahr 1910 nicht in Deutschland, sondern in New York. Mit der überkonfessionellen Verbreitung des Weihnachtsbaumes verschwand allmählich auch die Lutherlegende. Dafür hält sich bis heute das Gerücht, dieser Weihnachtsbrauch entstamme einem heidnischen Kult. Doch weit gefehlt.

„Laut neueren Erkenntnissen der Forschung geht der Weihnachtsbaum auf die Paradiesspiele der mittelalterlichen Kirche zurück”, betont Döring. Dort sei er am 24. Dezember als „Baum der Erkenntnis” aufgestellt worden, unter dem der Sündenfall Adams und Evas nachgespielt wurde. „Auf der Seite, die die Erlösung symbolisieren sollte, war der Baum mit Äpfeln und anderen Leckereien geschmückt, auf der anderen, sündigen Seite nicht.”

Nach den Gottesdiensten durfte der Baum geplündert werden. Dabei konnte es zeitweise ganz schön hoch hergehen, erzählt Döring. Genau wie bei den Krippenspielen und Nikolausfeiern, bei denen katholische Gläubige gerne auch mal Sitte und Moral vergaßen. Dem Reformator Martin Luther gefiel die sinnenfrohe Heiligenverehrung der katholischen Kirche gar nicht. Er wollte Christus wieder in den Mittelpunkt der Feiern stellen und erfand deshalb die Figur des „heiligen Christ” als Konkurrenz zum Nikolaus.

Lange Jahre bescherte in den protestantischen Gegenden Deutschlands der „heilige Christ” die Kinder, begleitet von Engeln. Im Laufe der Jahrhunderte sei aus ihm das engelsgleiche „Christkind” geworden, berichtet der Volkskundler. Doch das war offenbar zu lieb und so erfand man im 19. Jahrhundert noch den Weihnachtsmann, der eher ein „umgemodelter Nikolaus” war. Ob diese Figur eher auf die Phantasie von Protestanten oder Katholiken zurückgeht, lässt sich heute nicht mehr sagen.

„Viele unserer Weihnachtsbräuche sind mittlerweile überkonfessionell”, meint Döring. Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit beobachtet der Volkskundler in den letzten Jahren zahlreiche ökumenische Aktionen. Katholiken und Protestanten veranstalten gemeinsam Konzerte, Feste oder entwickeln neue Bräuche wie die „lebendigen Adventskalender”. An jedem Tag der Adventszeit schmücken Familien, Kindergärten, Kirchen oder auch Läden einer Stadt ein Fenster ihres Hauses und laden davor zu einer Andacht und gemütlichem Beisammensein ein.

„Die Kirchen haben erkannt, dass sie etwas dafür tun müssen, wenn Weihnachten mehr sein soll als Konsum, Glühwein und Lichterschmuck”, sagt Döring. „Und das geht am besten mit- statt gegen einander.”