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Berlin: Ode an die Rille: 60 Jahre Vinylplatte und kein Ende in Sicht

Berlin : Ode an die Rille: 60 Jahre Vinylplatte und kein Ende in Sicht

Wahre Liebe schert sich nicht um Argumente. Was hier zählt ist Gefühl. „Es ist dieses Ritual des Auflegens, das Saubermachen und sehen zu können, wie sich die Platte dreht, was die Vinyl-Platte zu etwas Besonderem macht”, sagt Helge Palm. Regelmäßig kommt der 52-Jährige in den kleinen Plattenladen im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

Wenn er die Wahl hat zwischen CD und LP, kauft er die Schallplatte. An der Ladentheke ist der Kampf zwischen der großen Schwarzen und dem kleinen Silberling längst entschieden. Die CD hat gewonnen und kämpft inzwischen selbst gegen neue digitale Speicher. Aber die alte Schallplatte aus Vinyl verteidigt auch 60 Jahre nach ihrer Erfindung hartnäckig ihren Platz in den Herzen vieler Menschen.

Am 21. Juni 1948 rotierte die Langspielplatte aus Polyvinylchlorid (PVC) zum ersten Mal. Der Ingenieur Peter Goldmark bei dem amerikanischen Medienunternehmen CBS hatte sie entwickelt. Schnell setzte sie sich weltweit gegen ihre Vorgängerin - die Schellackplatte - durch. Die neue Platte war billiger, ihr Klang schöner und mit einer Geschwindigkeit von 33 1/3 Umdrehungen pro Minute bot sie eine deutlich längere Spieldauer: etwa 25 Minuten pro Seite. Die Schellackplatten konnten mit 78 Umdrehungen lediglich ein einziges Musikstück wiedergeben. Die ersten deutschen LPs erschienen 1951 bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft.

Nicht nur bei Klassikliebhabern ist die Schallplatte nach wie vor beliebt. Vor allem passionierte Discjockeys schwärmen vom den Rillen. So auch René Murawski: „Ich liebe Vinyl. Ich kaufe keine CDs. Klang und Gefühl einer LP sind einfach viel wärmer und satter.” Mit Kopfhörern auf den Ohren lauscht der 27-Jährige andächtig der Musik. So wie Murawski denken viele und sichern der Vinyl-Schallplatte eine Zukunft. Vor allem elektronische Musik, HipHop und Rock, aber auch Funk, Soul und Jazz wird noch immer auch auf Vinyl produziert. Die neuesten Pop-Remixes von Madonna bekommt man inzwischen auch wieder auf Platte.

Anja Schneider gründete vor drei Jahren die kleine Berliner Plattenfirma Mobilee Records ­ deren Kerngeschäft noch immer die klassische Schallplatte ist. Sie macht 60 Prozent der Produktion aus. „Am Anfang habe ich viele kritische Stimmen gehört, ob sich ein Vinyl-Label überhaupt noch lohnt”, sagt Schneider. „Und jetzt sind wir immer noch da.” Schneider legt selbst regelmäßig in Clubs auf. „Wenn sehr gute DJs mit drei Platten gleichzeitig auflegen, sie herumwirbeln und scratchen ist das harte Arbeit - aber auch richtig schön zum Zuschauen”, begeistert sich Schneider.

Auch wenn die Langspielplatte als Tonträger mittlerweile von CD und mp3-Dateien abgelöst wurde, besetzt die Vinylscheibe seit Jahren eine Nische. 2007 profitierte die LP von der allgemeinen Retro-Welle. Deutschlandweit wurden etwa 700.000 Vinyl-Platten verkauft - 100.000 mehr als im Vorjahr. Im Vergleich zur CD ist das fast nichts. Davon gingen rund 150 Millionen über die Ladentische.

Viele LP-Liebhaber sind aber passionierte Sammler, die auch großen Wert auf das Cover legen. Manche davon sind kleine Kunstwerke, wie etwa das von Pop-Art-Künstler Andy Warhol gestaltete Cover des Stones-Albums „Sticky Fingers”. Mit dem echten Reißverschluss wurde die Hülle vielleicht sogar berühmter als die Platte selbst. Ähnlich legendär ist das Cover der Beatles-Scheibe „Abbey Road”. Es entstand angeblich in zehn Minuten und wurde zigfach kopiert.

Ein Ende der Schallplatte ist nicht in Sicht. Im vergangen Jahr gab es mit der Vinyl Disc sogar eine Neuentwicklung. Sie besteht aus zwei miteinander verbundenen Schichten. Eine Seite der Scheibe ist schwarz, hat die übliche Rille und kann auf jedem normalen Plattenspieler abgespielt werden. Etwa zwei Musiktitel haben auf ihr Platz. Auf der anderen Seite ist die Scheibe silbern und kann digitale Musik, Videos oder Computerspiele speichern. Für echte „Vinylisten” aber ist das nur eine Spielerei.