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Ob „Circe” oder „Pandora”: Mieder sind sein Metier

Ob „Circe” oder „Pandora”: Mieder sind sein Metier

Münster. Das hübsche Korsett heißt „Circe”. Es ist mindestens so verführerisch wie seine Namensgeberin, die Zauberin aus der griechischen Mythologie und hat eine kurze Taille, der Rücken ist etwas länger geschnitten. Auf Wunsch gibt es „Circe” auch brustfrei.

Das Kleidungsstück ist eine Arbeit von Christoph Stracke, der seit 1995 Korsetts auf Bestellung schneidert. Der 40-Jährige ist einer von wenigen Miedermachern in Deutschland, die noch nach Maß arbeiten.

„Korsetts haben mich immer schon fasziniert”, sagt Stracke. Während seines Lehramtsstudiums war ihm ein Buch einer englischen Theaterschneiderin in die Hände gefallen. „Darin beschrieb sie, wie man ein Mieder herstellt. Sogar Schnittmuster waren mit dabei”, erinnert sich der gebürtige Sauerländer. Kurzerhand setzte sich der Mann, der bis dato gerade einmal eine Hose umgesäumt hatte, an die Nähmaschine.

Für sein Erstlingswerk erhielt er so viel Zuspruch, dass er weiter produzierte und die reizenden Kleidungsstücke seitdem über das Internet verkauft.

Das Schnürmieder, dessen Ursprung auf das 16. Jahrhundert zurückgeht, galt allerdings lange Zeit auch als Inbegriff weiblicher Unterdrückung. „Seit einigen Jahren ist es aber wieder in Mode und wird auch industriell hergestellt”, erzählt Stracke.

Deutsche Läden würden hauptsächlich von zwei Betrieben in England beliefert. „Das ist Konfektionsware. Ein Mieder sollte aber individuell auf den Körper zugeschnitten sein. Frauen sind doch ganz unterschiedlich gebaut”, betont der Korsettmacher. „Es muss eng anliegen. Sonst sieht es nicht aus.”

„Früher war der Korsettmacher noch ein eigenständiger Ausbildungsberuf”, sagt Charlotte Noé, Obermeisterin bei der Innung des Mode schaffenden Handwerks in Duisburg. Diese Zeiten seien aber vorbei. Dafür gebe es in Nordrhein-Westfalen aber etwa 150 Maßschneiderbetriebe, die auf Wunsch Wäsche-Korsagen herstellen - nicht zu vergessen die Orthopädietechniker, die medizinische Korsetts anfertigen.

Die Abnehmer von Stracke sind in der Hauptsache Frauen, die mit der hübschen Korsett-Silhouette ihrer Abendgarderobe den besonderen Kick geben möchten. Stracke arbeitet das Mieder als Oberbekleidung, aber auch als Unterwäsche. „In der Regel frage ich nicht, wofür genau es verwendet wird”, verspricht er.

In seiner Wohnung in Münster stapelt sich das Arbeitsmaterial: fest gewebte Köper- oder Atlasstoffe in Schwarz, Weiß, Rot, Blau und Rosa und leichte Futterstoffe. In einer Schublade werden Stahlfedern zur Verstärkung des Korsetts sowie Vorderschließen und Rückenschnüre aufbewahrt. Auch die passenden Strumpfhalter bietet Stracke an.

Brust- und Unterbrustumfang, Taillen- und Hüftweite der Kundin fragt Stracke übers Internet ab. Mit dem Gesamteindruck vom Oberkörper macht er sich an die Arbeit, für ein Korsett braucht er bis zu sieben Tage. Zuerst erstellt er den Schnitt auf der Basis eines über 100 Jahre alten Musters. „Dann schneide ich die Federstangen zu. Bevor ich sie in den Stoff einnähe, müssen sie stumpf geschliffen und gebogen werden.” Dann stanzt der Schneider die Löcher für die Vorderschließen und setzt die Ösen.

Mehrere hundert Euro kostet das Unikat - je nachdem, ob zum Beispiel eine Lasche hinter der Schnürung gewünscht ist oder die Schließe vorne verdeckt werden soll. Anfragen für „Circe” und „Pandora”, das klassische Korsett mit der relativ langen Taille und dem leicht herzförmig geschnittenen Dekolleté, kommen aus ganz Deutschland.

Mittlerweile ist bei Stracke ein drittes Modell in Vorbereitung. „Ein schmales Taillenmieder, das als Unterwäsche oder über eine Bluse getragen werden kann”, kündigte der Miedermacher an. „Mir fehlt eigentlich nur noch der Name.”