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Göttingen: Nicht nur zur Walpurgisnacht: Moderne Hexen in der Wicca-Bewegung

Göttingen : Nicht nur zur Walpurgisnacht: Moderne Hexen in der Wicca-Bewegung

In der Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai organisieren Dutzende Harz-Gemeinden Hexenfeste, Fackelumzüge und Walpurgisfeuer. Die Veranstalter rechnen mit mehreren 10.000 Besuchern. „Die wirklichen Hexen schlagen jedoch um Harz und Brocken eher einen Bogen”, sagt Jennifer Kunstreich.

Die 28-jährige Göttinger Kulturanthropologin und Religionswissenschaftlerin hat für ihren Film „Zwischen den Welten. Hexe sein im 21. Jahrhundert” (2007) moderne Hexen, so genannte Wiccas, interviewt.

„Von Wicca leitet sich das englische witch, Hexe, ab”, erläutert Kunstreich. Die Zahl der modernen Hexen in Deutschland sei schwer zu schätzen. Sie gehe von einigen 10.000 Anhängern aus. Die meisten gehörten keiner festen Gruppe an, sondern bezeichneten sich als „freifliegend”. Sie pflegten ihren Glauben allein, zu zweit oder in lockeren Ritualgruppen. Die Szene lege großen Wert auf Unabhängigkeit.

„Die Wicca-Bewegung wurde 1954 von Gerald Gardner in England initiiert”, erläutert die Religionswissenschaftlerin. Dort sei 1951 ein Gesetz aufgehoben worden, das Hexerei verboten habe. Die Bewegung habe in den 60er Jahren Zulauf bekommen. Hippies hätten der antibürgerliche Charakter und die Idee von einem Leben im Einklang mit der Natur angesprochen. „Feministen suchen bei Wicca eine spirituelle Alternative zum patriarchalen Christentum”, erläutert Kunstreich.

In Deutschland finde Wicca seit Ende der 70er Jahre Anhänger, insbesondere unter gebildeten Vertretern der Mittelschicht. Viele kämen über Bücher wie Marion Zimmer Bradleys Roman „Die Nebel von Avalon” oder Starhawks Buch „Der Hexenkult” zu diesem Glauben. Seit den 90er Jahren habe sich der Zulauf, angeregt durch Fernsehserien und Hollywood-Filme, deutlich verstärkt.

„Gardner behauptete, Kontakt zu einem alten Hexenzirkel erhalten zu haben”, sagt Kunstreich. Dieser hätte das Wissen der alten heidnischen Priesterinnen von der Kirche verfolgt im Verborgenen bis in die Gegenwart tradiert.

„Diese Vorstellung, die bereits im 19. Jahrhundert vertreten wurde, hat die Wissenschaft mittlerweile verworfen”, sagt der Göttinger Ethnologe Oliver Ohanecian. Der 39-Jährige veröffentlichte 2005 ein Buch über die Bewegung. „Gardner schöpfte sein Wissen aus der Literatur”, betont der Ethnologe. Eine wichtige Quelle sei Aleister Crowley gewesen, der zu den Vordenkern des modernen Satanismus gehöre.

In den vergangenen 50 Jahren habe die Wicca-Bewegung zahlreiche Elemente der Esoterik-Szene aufgegriffen. Heute bezeichneten sich viele Hexen als Schamanen. „Wicca ermutigt, der eigenen Intuition zu folgen und einen eigenen Weg zu finden”, sagt Kunstreich.

Ohanecian sieht die Bewegung dagegen kritisch. Einige Anhänger fügten sich mit Messern Verletzungen zu, um Blut zu opfern. Zum Teil würden Haschisch und psychedelische Drogen konsumiert, um Kontakt zu „Pflanzengeistern” aufzunehmen. Der Hass, mit dem einzelne Wiccas im Internet über das Christentum schrieben, mache ihm Angst. Es gebe Berührungspunkte zu rechtsextremen Gruppen, die die alte germanische Religion wiederbeleben wollten.

Kunstreich betont dagegen, dass sich ihre Informanten von Neonazis distanziert hätten. Sie seien Christen gegenüber aufgeschlossen gewesen. Fasziniert zeigt sich die Kulturanthropologin von den Wicca-Ritualen, die bei der eigenen Selbstfindung helfen würden. Bei Jahreszeitenfesten werde ein Bezug zum eigenen Leben hergestellt. Bei Halloween am 31. Oktober gehe es zum Beispiel um den Tod und was in einem sterben wolle, bei der Wintersonnenwende um Wiedergeburt oder in der Walpurgisnacht um Sexualität und Fruchtbarkeit.