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Karlsruhe: Neue Wege für den letzten Gang: Friedhof mit revolutionären Ideen

Karlsruhe : Neue Wege für den letzten Gang: Friedhof mit revolutionären Ideen

Der Friedhof als feierlicher Ort für die Toten? Das reicht nicht mehr. „Wenn ein Friedhof konkurrenzfähig sein und bleiben will, dann muss er ein Ort für die Lebenden werden”, sagt Matthäus Vogel, der Leiter des städtischen Friedhofsamtes in Karlsruhe.

Den Hauptfriedhof der Stadt hat er deswegen in den vergangenen Jahren gründlich umgemodelt - er gilt als der modernste und innovativste Deutschlands.

Landschaftsgräberfeld, Lebensgarten, Baumbestattungen, Grabmalpatenschaften, Kinderspielplatz: Mit seinen Ideen will Vogel den Friedhof als Stätte von Begegnung und als Kulturgut neu ins Blickfeld rücken - und er will der Verödung von Friedhöfen entgegenwirken, so wie sie in so manchen deutschen Großstädten schon Realität sind. „Der Karlsruher Friedhof ist in Deutschland wegweisend”, sagt der Vorsitzende der Verbraucherinitiative Bestattungswesen (Königswinter), Hermann Weber.

Die Konkurrenz zum klassischen Friedhof und zur klassischen Erdbestattung wächst. Private Leichen - und Trauerhallen sowie Krematorien buhlen um Kunden. Private Beisetzungsangebote wie die sogenannten Friedwälder erfahren immer mehr Zuspruch. Außerdem gibt es wegen der veränderten Altersstruktur weniger Beerdigungen. Hinzu kommen die seit den 80er Jahren explosionsartig gestiegenen Friedhofsgebühren und die Abschaffung des Sterbegeldes. Mindestens 2000 Euro kostet eine einfache Beerdigung. Viele Menschen schrecken daher vor einer klassischen Bestattung zurück und wählen stattdessen die günstigeren Urnenbestattungen oder anonyme Beisetzungen. Außergewöhnliche Wünsche von Angehörigen aber nehmen zu.

Mit seinen ungewöhnliche Bestattungsangeboten ist der Friedhof in Karlsruhe seit Jahren Vorreiter. Als einer der ersten überhaupt bietet der Hauptfriedhof seit drei Jahren Bestattungen unter Bäumen an. Außerdem dürfen hier Familien ihre totgeborenen Kinder beerdigen: Auf einer eigens zur Verfügung gestellten Fläche, die Grabfelder besetzt von Kuscheltieren, Nippesfigürchen und bunten Windrädern.

Wer in einer naturbelassenen Umgebung bestattet werden, aber nicht in einem Friedwald landen will, kann sich im Landschaftsgräberfeld zur Ruhe betten lassen. Neu sind Grabmalpatenschaften: Grabstätten mit besonders schönen alten Steinen, deren Belegdauer abgelaufen ist, können neu vergeben werden - kostenlos an denjenigen, der sich im Gegenzug verpflichtet, die Steine zu erhalten und gegebenenfalls zu reparieren.

„Wie immer man beerdigt sein will, hier geht es,” sagt Vogel. Wer Musik zur Beerdigung möchte, kann das haben, wer tanzen statt trauern will, dem steht das frei. Wer seine Gräber schrill und bunt schmücken möchte, bleibt unbehelligt. „An Weihnachten haben wir auf den Gräbern der Sinti und Roma um die 50 Weihnachtsbäume stehen - mit Lichtern und Lametta in voller Montur”, sagt Vogel. Auch über oft gewünschte Bestattungen ohne Sarg wird inzwischen nachgedacht. Nur ein vor einigen Jahren auf einem Grabstein entdecktes, vom Grabeigentümer eingemeißeltes Hakenkreuz hat Vogel wegschleifen lassen.

Der Lohn für seine Mühe ist eine Auslastung des 37 Hektar großen Friedhofs von etwa 80 Prozent - 2700 Beisetzungen im Jahr - und ein wachsendes Interesse an den Dienstleistungen dieses ältesten kommunalen Parkfriedhofs Deutschlands. Ein Info-Center vor den Toren soll Interessenten die Scheu nehmen. „Wir wollen die Menschen sozusagen an der Straße abholen, ohne dass sie den Friedhof überhaupt betreten müssen” - auch dies eine neue Idee, der seither viele gefolgt sind.

Auch vor Direkt-Marketing hat Vogel keine Berührungsängste - ein Mailing hat er im vergangenen Jahr auf die Beine gestellt: „Lebendige Erinnerung” heißt die Broschüre, die von nun an zweimal im Jahr in die Briefkästen der Haushalte flattern und für die Kultur des Friedhofs werben soll - ebenfalls ein Novum.