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New York: Neu aufgerissene Wunden: Suche nach Opfern vom 11. September

New York : Neu aufgerissene Wunden: Suche nach Opfern vom 11. September

Endlich wird die Wunde im Stadtbild von New York geschlossen. Mehr als fünf Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September sind am Ground Zero die Baukräne aufgefahren, um den Freedom Tower zu errichten. Der 540 Meter hohe Büroturm soll ein Fanal für die Freiheit werden. Aber die Vergangenheit holt die Stadt unerbittlich ein.

Bei den Erdarbeiten fanden die Bauleute auf dem angeblich geräumten Grund immer wieder Knochen und andere Zeugnisse der Opfer - allein in den vergangenen drei Monaten mehr als 300 Stück.

Die Baubehörden haben deshalb in diesen Wochen auch noch mit ganz anderen Arbeiten begonnen. In einem neuen Anlauf soll in der Umgebung der einstigen Zwillingstürme nochmal nach dem gesucht werden, was von den Opfern übriggeblieben ist. „Das ist unendlich schmerzlich für uns, für die Familien”, sagt Diane Horning, die ihren 26 Jahre alten Sohn Matthew in den Trümmern des World Trade Centers verloren hat.

„Scared” ( „Ich habe Angst” ) war das letzte Wort, das er seinen Eltern als SMS mit dem Handy schickte, nachdem die von den Terroristen entführte Boeing 767 in den Nordturm gerast war. „Mit jedem neuen Fund fängt alles wieder von vorne an, der ganze Schmerz, die ganze Ungewissheit”, sagte Horning im Gespräch mit der dpa in New York.

Die 60-jährige frühere Lehrerin hat gemeinsam mit ihrem Mann Kurt und zwei Freunden den Verein „Families For Proper Burial” (Familien für eine angemessene Beerdigung) gegründet. Besonders betroffen war sie, als Ende Januar unter einer Baustraße nach zahlreichen Knochen auch zwei über 50 Tonnen schwere Stahlträger aus dem World Trade Center gefunden wurden. Sie waren allem Anschein nach absichtlich als Fundament für die Baustraße genutzt worden.

„Ich möchte nicht wissen, was unter dieser Straße noch alles begraben ist”, sagt Horning. „Sie haben das Liebste meines Lebens als Material für ein Straßenbett benutzt.” Die Hornings haben von ihrem Sohn bisher lediglich ein kleines Erinnerungsstück bekommen.

Anfangs hatte es noch großes Lob für die Firma gegeben, die den gewaltigen Schuttberg des World Trade Centers in weniger als einem Jahr weggeräumt hatte. Doch jetzt fühlen sich viele Familien in ihren Befürchtungen bestätigt, dass dabei vielleicht nicht sorgsam genug gearbeitet wurde.

Die Gerichtsmediziner konnten bisher lediglich 1601 Opfern menschliche Überreste zuordnen. Von 1148 der insgesamt 2749 Getöteten - mehr als 40 Prozent - fehlt bis heute jeder Hinweis. Die Angehörigen haben kein Grab, keine Gewissheit, keinen Ort zum Trauern.

Bei der neuen Suche wird jetzt die umstrittene Baustraße zu einem großen Teil wieder aufgerissen. „Wir haben Material aus Büroräumen gefunden”, sagte der mit dem Projekt betraute stellvertretende Bürgermeister Edward Skyler. „Aber am wichtigsten für uns wäre, Überreste zu finden, die wir den Familien zurückgeben könnten.”

Auch das Gelände neben dem Ground Zero, auf dem niederstürzende Stahl- und Betonmassen die einstige griechisch-orthodoxe Sankt-Nicholas-Kirche unter sich begraben haben, wird durchforstet. Insgesamt 30 Millionen Dollar (rund 23 Millionen Euro) soll der neue Anlauf kosten.

Weitere Funde erwarten die Experten von dem besonders beschädigten Gebäude der Deutschen Bank. Das 41-stöckige Hochhaus, seit Jahren aus Sicherheitsgründen mit einem engmaschigen schwarzen Netz umhüllt, ist einsturzgefährdet und asbestverseucht.

Bis Jahresende soll „Die Witwe”, wie sie von den Nachbarn genannt wird, endlich abgerissen werden. 799 Knochen und Knochenteile wurden laut Skyler bisher dort gefunden, die letzten sechs Stockwerke sind noch nicht durchsucht.

Ob die neuen Anstrengungen jedoch zu vielen neuen Identifizierungen führen, ist fraglich. Die Gerichtsmediziner sind mit der Arbeit weitgehend an ihre Grenzen gelangt. New Yorks oberster Leichenbeschauer Charles Hirsch hatte schon früh vor zu großen Erwartungen gewarnt. „Da wurde Stahlbeton in Minuten zu Staub zermahlen”, sagte er nach der Katastrophe. „Uns war klar, was mit vielen Menschen geschehen sein musste.”

Alle menschlichen Überreste, die sich nicht zuordnen lassen, sollen nun am Schluss gemeinsam in dem geplanten Mahnmal am Ground Zero beerdigt werden - mit einem Zugang für spätere Forscher.