1. Panorama

Münster/Dortmund: Münsters „Lackaffe”: Vom Kriminellen zum Unternehmer

Münster/Dortmund : Münsters „Lackaffe”: Vom Kriminellen zum Unternehmer

Seine Arbeit hat sich kaum verändert, zwischen seinen Auftritten als Sprayer liegen dennoch Welten. Früher suchte Philipp Scharbert die Dunkelheit, war auf Autobahnbrücken oder Abstellgleisen unterwegs - illegal. Heute bevorzugt der Sprayer das Tageslicht, bekommt Aufträge von großen Firmen - alles legal und für Geld.

Der Münsteraner ist einer der wenigen Graffiti-Sprayer, der aus seiner einst kriminellen Karriere den Wechsel zu einem gefragten Unternehmer geschafft hat.

Gerade erst hatte der 28-jährige Gründer von „lackaffen.de”, so der Name seiner Firma, die bunten Dosen im Auftrag von Borussia Dortmund in der Hand. Der Fußballbundesligist gestaltete das Kinderareal in seinem Stadion neu und engagierte den Jungunternehmer. Für die übergroße Banane an der Wand brauchte er „70 Sprühdosen und drei Tage”. In einem ganzen Jahr bringt er es auf etwa 2000 an Wänden entleerte Dosen. Für eine Sparkasse, ein Gartencenter, den Regionalverband Ruhr und die Halle Münsterland drückte er bereits auf den Sprühknopf. Auch ein Müllwagen trägt seine Handschrift.

Seit 1994 ist der studierte Bauingenieur selbstständig in dem kreativen Fach. Als Künstler sieht er sich aber nicht, „das ist doch nur ´ne Floskel”. „Eigentlich bin ich ein normaler Sprayer, oder vielleicht noch Fassadengestalter mit künstlerischem Anspruch”, sagt er nüchtern.

Mit seiner Vergangenheit geht der 28-Jährige ziemlich gelassen um, auch wenn er früher Polizeiwachen und Gerichtssäle mehrfach unfreiwillig von innen sah. „Ich mache keinen Hel daraus.” Freizügig erzählt er von seinen Streifzügen unter Brücken und an Bahnwaggons. Für ihn ist das, was die Mehrheit der Bevölkerung als Verschandelung der Städte durch „Schmierfinke” bezeichnen würde, im Rückblick ein Abenteuer - „das war Romantik und Nervenkitzel in einem”.

Bereits mit 14 Jahren griff Scharbert zu den Dosen, zog als „Einzelgänger”, wie er sich selbst beschreibt, maskiert mit Sturmhaube um die Häuser. Nach wenigen Jahren kehrte er der Szene den Rücken.

Die vermeintlichen Kavaliersdelikte mit den Farbschmierereien an Gebäuden und im öffentlichen Personennahverkehr verursachen bundesweit jährliche Kosten von 200 Millionen Euro, hat der Deutsche Städtetag errechnet. Allein bei den Stadtwerken Münster schlägt die Reinigung der Busse jedes Jahr mit rund 40 000 Euro zu Buche, „die Säuberung der Haltestellen ist da noch nicht mit gerechnet”, sagt ein Sprecher.

Bei der Polizei Münster sind allein zwei Beamte für die Graffiti- Kriminalität zuständig. Seit eine legale Sprühfläche neuen Gebäuden weichen musste, haben die beiden Beamten wieder deutlich mehr zu tun: Nach 790 Sachbeschädigungen mit den Lackdosen im Jahr 2006 wurden dieses Jahr allein bis Juni schon 560 registriert - „im Vergleich zu vielen Ruhrgebietsstädten aber wohl noch ein moderater Anstieg”, sagt Kriminaldirektor Martin Mester. Dennoch stehe die Frage neuer Flächen zum legalen Austoben der Sprayer wieder akut im Raum.

Philipp Scharbert hat die Kurve gekriegt, zeigt Kindern heute in Workshops, wie man die beim Schütteln laut klackernden Dosen richtig benutzt - und vor allem wo. Denn im Rahmen von Jugendprojekten stellen viele Kommunen mittlerweile Wände für legale Sprühaktionen zur Verfügung. In Münster etwa „verschönern” Graffiti mittlerweile Stromverteilerkästen, wie die Stadtwerke jüngst mitteilten. Auch andernorts bekommen trostlose Unterführungen und meterlange Mauern in Gewerbegebieten mit der speziellen Lackkunst einen neuen Anstrich.

Seit diesem Frühjahr hat der Jungunternehmer eine Industriehalle angemietet. Die zig Sprühdosen nehmen allerdings den geringsten Platz ein. An die 100 Kühlschränke stehen in der Halle verteilt, neue sind darunter, die er in trendigen oder nostalgischen Designs umsprüht. Und alte Schätzchen „aufgekauft etwa in den USA”, die Scharbert technisch auf Vordermann bringt und wie die Neuen nach Kundenwünschen individuell gestaltet.