1. Panorama

Zähne ziehen: Methoden wie im Mittelalter

Zähne ziehen : Methoden wie im Mittelalter

Bevor es zur Sache ging, musste Billy Taylor sich erst einmal zwei Glas Whisky genehmigen. Dann setzte er mithilfe seines elfjährigen Sohnes eine Zange an seinen entzündeten Backenzahn an. In Großbritannien sind die Zahnarztpraxen geschlossen. Wer Schmerzen hat, muss selbst Hand anlegen.

Dann hielt er einen Eisbeutel gegen die linke Wange, bis er den Schmerz in seinem Kiefer nicht mehr fühlen konnte. Seit Wochen hatte er unter einem entzündeten Backenzahn gelitten, der sein Gesicht grotesk anschwellen ließ. „Jede halbe Stunde schien es größer zu werden“, sagte Taylor, ein Mechaniker aus der Grafschaft Devon. Zugang zu einem Zahnarzt war für ihn nicht möglich, denn wegen der Corona-Pandemie haben alle Zahnarztpraxen in Großbritannien geschlossen. Taylor blieb nichts anderes übrig, als selbst Hand anzulegen. Mit Hilfe seines elfjährigen Sohnes setzte er die Zange an und begann zu hebeln. Nach anderthalb Stunden war der Backenzahn draußen.

Wie Taylor ergeht es zur Zeit vielen im Königreich. Die Leute müssen sich selber helfen. Abzesse werden mit Nadeln aufgestochen, herausgefallene Füllungen mit Kaugummi ersetzt. Abgebrochene Zähne schleift man mit Nagelfeilen glatt und wacklige Kronen werden mit Sekundenkleber befestigt. Die Briten haben zur Do-it-yourself-Behandlung keine Alternative, denn der örtliche Zahnarzt darf nur Antibiotika oder Schmerzmittel verschreiben, praktizieren darf er nicht. 

Nur lebensbedrohliche Fälle werden behandelt

Seit dem 25. März sind alle Routinebehandlungen abgesagt. Und nur die wenigsten Patienten qualifizieren sich für einen Termin in den rund 550 Notfallzentren im Land. Dort werden nur jene empfangen, die lebensbedrohende Infektionen oder Atembeschwerden wegen einer Gesichtsschwellung haben. ate Mansey, deren fünfjähriger Sohn starke Schmerzen bekam, nachdem eine Füllung herausgefallen war, verzweifelte, als ihr gesagt wurde, dass keine andere Behandlung außer einer Extraktion möglich sei. Aber sie könne ja versuchen, wurde ihr gesagt, die Füllung selber mit Wachs zu stopfen. „Es ist mittelalterlich“, empörte sich Mansey. Julie Deverick, Präsidentin der „British Society of Deantal Hygiene and Therapy“ befürchtet, dass wegen ausbleibender Behandlung die Fälle von nicht rechtzeitig entdecktem Mundhöhlenkrebs ansteigen werden.

Eine vorsichtige Lockerung will die Regierung erst ab dem 8. Juni wieder erlauben. Dann sollen Zahnarztpraxen wieder allmählich geöffnet werden. In der Zwischenzeit, so wird geschätzt, sind mehr als 600.000 Fälle von Zahnproblemen aufgelaufen. Doch zunächst werden nur die dringendsten Fälle angenommen. Und sichere Zahnbehandlung in Zeiten einer Pandemie ist langsam: Schutzkleidung, Infektionskontrolle und Desinfizierung nach jeder Sitzung sind vorgeschrieben, was in vielen Praxen nur eine Höchstzahl von acht Terminen pro Tag ermöglicht.