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Groß Pinnow: Menschen statt Mauern: Ein Heim für straffällige Jugendliche

Groß Pinnow : Menschen statt Mauern: Ein Heim für straffällige Jugendliche

In der Jugendhilfeeinrichtung zur Vermeidung von Untersuchungshaft im brandenburgischen Frostenwalde wird abends nur die Haustür abgeschlossen. „Die Zimmer der betreuten Jugendlichen bleiben dagegen auch in den Nachtstunden offenen.”

Das sagt die Fachbereichsleiterin für straffällige Jugendliche beim diakonischen Träger EJF-Lazarus, Sigrid Jordan-Nimsch, im uckermärkischen Groß Pinnow. „Unser Konzept lautet Menschen statt Mauern”, betont die Expertin. Statt einer geschlossenen Einrichtung gebe es eine Betreuung der Jugendlichen rund um die Uhr. „Das ist unsere Verbindlichkeit”, betont Jordan-Nimsch.

Die Einrichtung wird seit 1995 im Norden Brandenburgs betrieben. Insgesamt 32 Plätze stehen für 14- bis 17-Jährige zur Verfügung, die eigentlich in Untersuchungshaft auf den Beginn ihres Prozesses warten müssten. Die Jugendlichen werden von insgesamt 35 Mitarbeitern betreut. Sie bereiten die Jugendlichen auf die Gerichtsverhandlung und ein straffreies Leben nach einem möglichen Gefängnisaufenthalt vor.

Die U-Haft-Vermeidung habe sich bewährt, unterstreicht die Fachbereichsleiterin. Lediglich 40 Prozent der in den vergangenen 13 Jahren betreuten rund 650 jungen Menschen kämen wieder mit den Gesetz in Konflikt. Nach einem Gefängnisaufenthalt liege die Rückfallquote deutlich höher.

Die Palette der Straftaten der in der Einrichtung untergebrachten Jugendlichen reicht von schwerem Diebstahl, Sexualdelikten bis hin zu versuchtem Mord. Ob sie in Untersuchungshaft oder nach Frostenwalde kommen, entscheide ein Richter, erläutert Jordan-Nimsch. Ausschlaggebend für eine Unterbringung sei, ob die Jugendlichen sich auf eine Therapie einließen.

Bei manchen Jugendlichen sei es leider unmöglich, sie mit „Worten und Taten” zu erreichen, sagt die Expertin. In diesem Fall werde in Frostenwalde auch konsequent darauf hingewirkt, dass die jungen Straftäter zurück ins Untersuchungsgefängnis müssten.

Im Fall der beiden 17 und 20 Jahre alten Münchner U-Bahn-Schläger, deren brutaler Übergriff auf einen Rentner die aktuelle Debatte über geschlossene Erziehungscamps auslöste, hätte nach Auffassung der Expertin konsequenter und vor allem früher eingeschritten werden sollen. Für den 20-Jährigen sei eine geschlossene Heimunterbringung in seinem Alter aber auch gar keine geeignete Maßnahme mehr, zeigt sich Jordan-Nimsch verwundert über entsprechende Forderungen. Hier könne Untersuchungshaft verhängt werden.

Jordan-Nimsch bemängelt zugleich, dass die Jugendhilfe oftmals aus Kostengründen nicht die richtigen Maßnahmen einleitet. Häufig werde versucht, etwa Intensivtäter in ambulanten Einrichtungen zu betreuen, die einen deutlich niedrigeren Tagessatz hätten als beispielsweise Frostenwalde. Dies scheitere aber meist, da die Jugendlichen in ihrem Umfeld blieben.

Die Betreuung bei EJF Lazarus sei wegen des hohen Betreuungsschlüssels „schon ein Stückchen teurer”, räumt die Fachbereichsleiterin ein. Dafür werde schon am ersten Tag damit begonnen, mit den Jugendlichen zu arbeiten. Großer Wert werde beispielsweise darauf gelegt, dass sie sich aus der Sicht des Opfers mit ihrer Tat auseinandersetzen.

In die Gespräche mit Betreuern und Psychologen würden zudem die Eltern mit einbezogen. Für sie steht sogar ein kleiner Bungalow auf dem Gelände bereit. Trotz der 24-stündigen Betreuung und einer Nachtwache sind jedoch schon einige Jugendliche geflüchtet. Die meisten hätten sich aber selbst gestellt oder seien von Mitarbeitern aufgegriffen worden, hebt Jordan-Nimsch hervor. Das Umfeld der „ortsfern gelegenen Einrichtung ist eben recht übersichtlich”.