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Berlin: Mehr als grau in grau: Betonmöbel ziehen in die Wohnung ein

Berlin : Mehr als grau in grau: Betonmöbel ziehen in die Wohnung ein

Gemütlich sieht anders aus: Betonmöbel wie etwa ein Zementsessel für das Wohnzimmer wirken auf den ersten Blick nicht gerade bequem. Puristen stehen aber auf ihre schlichte Eleganz und auch bei Liebhabern extravaganter Wohnideen sind die massigen Klötze schwer angesagt.

Ob Esstisch, Küchenplatte oder Badewanne - Betonmöbel finden ihren Weg in immer mehr Wohnbereiche. Und sind dabei alles andere als eintönig und trist.

„Beton kennen viele nur als grau und grob - es geht aber auch anders”, sagt der Architekt Karl Heinz Suppa, der in Berlin Betonmöbel entwirft und verkauft. Wer es gerne bunt mag, könne einen Beton-Blumenkübel zum Beispiel auch violett eingefärbt erhalten. Außerdem lasse sich die Oberfläche etwa eines Waschbeckens so glatt schleifen, dass sie nicht mehr rau wirkt. „Solche Einrichtungsstücke sind dann steinhart und fühlen sich dennoch samtweich an.”

Beton ist dabei nicht gleich Beton: Es kommt auf die Mischung an. „Der Wohnbeton von heute hat nicht mehr viel mit dem Beton zu tun, den man aus dem Straßen- oder Brückenbau kennt - da hat sich viel getan”, sagt Holger Kotzan von der Vermarktungszentrale der deutschen Zement- und Betonindustrie in Erkrath bei Düsseldorf.

Neuere Arten wie sogenannter HiTec-Beton seien besonders hart und glatt. Er eigne sich daher nicht nur für wetterfeste Gartenbänke, sondern auch für die Inneneinrichtung. Je nach Mischung ergeben sich verschiedene Farbtöne: Das reicht vom Couchtisch aus strahlend hellem Weißbeton, der manchmal fast wie Marmor wirkt, bis hin zu Bodenplatten aus tiefdunklem Portlandschieferzement, der eher granitfarben aussieht.

Generell gelte Beton schon länger wieder als modern in der Architektur, sagt Kotzan. Ein Beispiel dafür seien etwa die mit viel Sichtbeton gestalteten Vorzeigebauten im Berliner Regierungsviertel. „Im Außenbereich hat sich das schon länger durchgesetzt - jetzt hält Beton auch Einzug in die Innenausstattung.”

Im Wohnbereich gehe der Trend nunmehr dahin, Betonmöbel immer leichter und dünner zu bauen, sagt Günter Peterhoff von der Designschmiede „Form in Funktion” in Esslingen, die sich auf solche Möbel spezialisiert hat. Dort finden Kunden statt schwerer Massivklötze auch Möbel im Baukasten-System: Ein Tisch besteht dabei etwa aus mehreren Betonwürfeln, die nebeneinander gestellt werden. In seinen Einzelteilen lässt sich der Tisch so leichter verschieben oder transportieren.

Auch lasse sich Betonmöbeln optisch die Schwere durch das Zusammenspiel mit anderen Werkstoffen nehmen, sagt Prof. Klaus Michel von der Hochschule für Kunst und Design in Halle. So ergäben sich durch die Kombination von Beton mit Holz, Edelstahl oder Kunststoff interessante Kontraste.

Der Designprofessor ließ Studenten in dem Projekt „simply concrete” ein Semester lang Betonmöbel entwerfen, die nicht schwer und plump, sondern fein und leicht sein sollten. Herausgekommen ist etwa ein Schreibtisch, dessen helle Holzplatte von grauem Beton eingefasst ist - ein warmer Naturstoff trifft so auf kühle Rohbau-Ästhetik. Raffiniert wirkt auch eine geschwungene Liege, die nur zwei Zentimeter dick ist und dank einer Kohlefaserbeschichtung den nötigen Sitzkomfort bieten soll. „Der sieht man auf den ersten Blick gar nicht an, dass sie aus Beton ist”, sagt Michel.

Auch kleine Wohnaccessoires aus Beton können ein Hingucker sein: So haben die Studenten in Halle auch Bilderrahmen, Kerzenleuchter, Küchenschalen und ein Vogelhäuschen aus Sand, Wasser und Zement entworfen - einiges davon gibt es bereits im Handel.

„In jedes Haus oder jede Wohnung passt so etwas aber nicht”, sagt Designer Peterhoff. So richtig zur Geltung kämen Betonmöbel erst, wenn auch der Rest der Wohnung eher modern eingerichtet ist. Jedermanns Geschmack sind solche Einrichtungsstücke zudem sicher nicht. „Das ist natürlich eher etwas für Leute, die etwas Besonderes haben wollen”, sagt Peterhoff. „Und für Menschen, die klare Formen mögen und gerade das Puristische und Schnörkellose wollen”, ergänzt Architekt Suppa.

Nicht zuletzt sind Betonmöbel nur etwas für Leute, die für exklusives Design auch gerne etwas mehr Geld ausgeben. Denn die Ausgefallenheit solcher Möbel hat ihren Preis: Eine von Peterhoff gestaltete Lampe kostet beispielsweise 650 Euro, ein Esstisch inklusive Lieferung bis zu 2800 Euro.

Vorsicht Schwergewicht: Tragkraft der Decke beachten

Wer sich ein Möbelstück aus Beton kaufen will, sollte sich zunächst nach dem Gewicht erkundigen. Der Nachteil gegenüber Möbeln aus anderen Werkstoffen ist meist nämlich, dass sie sehr schwer sind. Das ist dann nicht nur bei einem Umzug ein Problem - in Altbauten kann es schlimmstenfalls passieren, dass die Holzdecke das Gewicht nicht trägt.

Nach Angaben der Vermarktungszentrale der deutschen Zement- und Betonindustrie in Erkrath bei Düsseldorf gilt dabei als Faustregel: 150 Kilopond pro Quadratmeter können Decken in modernen Wohnungen in der Regel verkraften. In älteren Gebäuden oder bei besonders schweren Möbelstücken sollten Käufer im Zweifel die Tragkraft von einem Fachmann überprüfen lassen.