1. Panorama

Mauerfall im Jahr 1989: Dreißig Jahre nach dem Jubel

Mauerfall im Jahr 1989 : Dreißig Jahre nach dem Jubel

Deutschland erlebt am 9. November 1989 eine Sensation, als SED-Politbüromitglied Günter Schabowski eher unbeabsichtigt die Grenzöffnung verkündet. Doch was ist auf die große Euphorie dieser Tage gefolgt? Eine Bestandsaufnahme.

Ungläubig gestammelt oder freudetrunken geschrien – „Wahnsinn“ ist bei Tausenden das Wort dieser historischen Nacht vor 30 Jahren. Am 9. November 1989 fällt die Mauer, die Deutsche in Ost und West 28 Jahre, 2 Monate und 28 Tage voneinander trennte. Die Sensation, fast beiläufig in Ost-Berlin verkündet, macht rasend schnell die Runde: Wer in Berlin dabei ist, erlebt Weltgeschichte.

Jubelnde Menschen auf der Mauerkrone vor dem Brandenburger Tor. Das ist das Symbolbild schlechthin für den 9. November 1989. Und ein Irrtum. Das Brandenburger Tor war ungefähr der einzige Ort in Berlin, an dem die Mauer in jener Nacht nicht aufging. Denn dort gab es keinen Übergang, sogar bis zum 22. Dezember nicht. Auch befinden sich so gut wie keine Ostdeutschen auf dem Foto, sondern fast nur feiernde West-Berliner und Touristen. Die Ost-Berliner gingen zur Bornholmer Brücke oder zur Invalidenstraße, dort, wo man wirklich rüberkonnte. Und von da aus zum Kurfürstendamm, dem großen Sehnsuchtsziel.

Dazwischen liegen Welten

Heute ist vieles anders, es scheint, als würden Welten zwischen damals und jetzt liegen. Noch zum 25. Jahrestag des Mauerfalls 2014 war die Stimmung unbeschwerter. In der Hauptstadt stiegen mehr als 7000 leuchtende Ballons als Symbol der friedlichen Revolution und überwundenen Grenze in den Abendhimmel, viele freuten sich, es herrschte eine fast heitere Gelassenheit.

Dann kamen Flüchtlingskrise, AfD, verstärkte Angriffe auf die Demokratie, Hass und Pöbeleien, der Mord an einem Kommunalpolitiker. Es gibt Ostdeutsche, die sich abgehängt fühlen und ihre Wut in die Öffentlichkeit tragen, Westdeutsche mit Unverständnis. Nur 38 Prozent der Ostdeutschen finden die Wiedervereinigung laut einer Umfrage gelungen. Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, ist bei vielen immer noch da. Nach Gräben, die schmaler werden, sieht das nicht aus.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mahnt die Politik: „Lasst diese Leute mit ihren Sorgen und Nöten nicht allein. Nehmt ihre Probleme ernst und kümmert Euch“, appellierte er in Leipzig, als an die große Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 mit mehr als 70.000 Demonstranten erinnert wurde.

Im Sommer und Herbst 1989 haben viele Ostdeutsche das Gefühl, dass es so nicht mehr weitergehen soll in der DDR: die Staatsführung erstarrt, Demonstrationen, Massenfluchten von DDR-Bürgern über die bundesdeutschen Botschaften in Prag, Warschau und Budapest, der Sturz des DDR-Staats- und Parteichefs Erich Honecker. Noch heute sagen viele, es sei ein Wunder gewesen, dass in dieser aufgeladenen Atmosphäre kein einziger Schuss fiel.

Die Grenzöffnung verkündet das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz kurz vor 19 Uhr, offensichtlich nicht ganz so beabsichtigt. „Das tritt ... nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich“, stammelt er in die laufenden Kameras. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. In der „Tagesschau“ ist es die erste Meldung.

Auch Egon Krenz, erst seit drei Wochen Generalsekretär der DDR-Einheitspartei SED, wird von den Ereignissen überrascht. Nach seiner Erinnerung bekommt er anderthalb Stunden nach Schabowskis Pressekonferenz von Staatssicherheits-Minister Erich Mielke die Information, dass sich viele Menschen in Richtung Grenze bewegen.

Sichern der Grenze?

„Die Nachtstunden vom 9. zum 10. November 1989 waren für mich die schwersten meines Lebens“, erklärt Krenz später. Sein Spielraum sei gewesen, den Dingen freien Lauf zu lassen oder zur Sicherung der Grenze die „bewaffneten Kräfte“ einzusetzen. „Ich habe mich für das Erste entschieden“, sagte der heute 82-Jährige schon zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. Bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen seien vermieden worden, weil die Grenzsoldaten so besonnen agiert hätten.

Nach Darstellung des Ex-Politfunktionärs gab es eigentlich einen anderen Plan. Am Morgen des 10. November wäre demnach eine neue DDR-Reiseverordnung in Kraft getreten. „Dazu sollte eine vorbereitete Meldung der Nachrichtenagentur ADN um 4 Uhr morgens gesendet werden. Zu dem Zeitpunkt hätten die Grenzsoldaten auch den Befehl gehabt, die Grenzübergänge zu öffnen.“ Doch Schabowski habe versehentlich alles vorverlegt. „Durch seine Schusseligkeit brachte er uns an den Rand einer möglichen Katastrophe.“

Schabowski, der 2015 starb, bestritt diese Version bis zum Schluss. Er habe weder im Alleingang noch aus Versehen gehandelt. Mit der Erlaubnis für DDR-Bürger, ins westliche Ausland zu reisen, habe die DDR gerettet werden sollen, sagte er.

An der Bornholmer Straße, zwischen Prenzlauer Berg und Wedding, ist der Andrang damals am größten. Die Leute wollen „rüber“, lassen sich nicht mehr verscheuchen. Die Grenzsoldaten sind ratlos. Befehle von oben gibt es nicht. Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger, diensthabender Leiter, telefoniert hin und her. Doch das hilft nicht. Schließlich entscheidet er selbst: Schlagbaum hoch.

Angela Merkel ist damals 35, Physikerin und wie jeden Donnerstag in der Sauna. Als sie he­rauskommt, ist der Zug gen Westen bereits in Gang. Mit vielen Tausend anderen marschiert die heutige Kanzlerin über die Bornholmer Brücke. In irgendeiner Wohnung bekommt sie ihr erstes West-Bier. „Ich weiß noch, so ein Büchsenbier – das war mir sonst nicht so vertraut.“

Der amtierende Kanzler hat nicht so viel Glück mit dem historischen Moment. Helmut Kohl ist gerade zum ersten Mal offiziell in Polen – ein heikler Besuch, bei dem man sich nicht einfach frühzeitig verabschieden kann. Als sich die Informationen bestätigen, sitzt der CDU-Politiker in Warschau beim Staatsbankett im Palais Radziwill. Allen ist klar, dass man nun besser in Berlin sein sollte.

Doch Kohl kann nicht einfach in seine Luftwaffen-Maschine steigen und über DDR-Gebiet nach Berlin fliegen. Erst am nächsten Tag geht es über Schweden nach Hamburg, dort in eine US-Militärmaschine und dann nach Berlin-Tempelhof – mit einer Stimmung zwischen Hoffen und Bangen. Denn noch ist unklar, ob alles gut ausgeht.

Da ist Walter Momper, Regierender Bürgermeister im Westteil Berlins, schon mittendrin im Sog der Geschichte. Er versucht, die Besucherströme aus dem Osten in den Griff zu bekommen, begrüßt die Menschen, kümmert sich um Zahlstellen für das Begrüßungsgeld. Eine Stadt im Ausnahmezustand, von Fußgängern geflutet. „Eine Million Besucher waren am 10. November da“, sagt Momper. Er sei am Tag eins nach dem Mauerfall mit seinem Dienstwagen stecken geblieben und auf die U-Bahn umgestiegen. Auch die sei proppenvoll gewesen, aber dann alle 90 Sekunden gefahren, so Momper, der damals die Deutschen das glücklichste Volk der Welt nannte.

Mit originalen Mauerteilen

Heute gilt Berlin als Stadt der Freiheit, von der Mauer gibt es nur noch wenig zu sehen. Ein Pflasterstreifen erinnert an den einstigen Verlauf des Grenzwalls – von Touristen oft gar nicht bemerkt. An der Bernauer Straße entstand auf dem früheren Todesstreifen eine Open-Air-Erinnerungslandschaft mit original erhaltenen Mauerteilen. Nur am einstigen Grenzkontrollpunkt Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße wird nach wie vor um eine würdige Erinnerung gestritten. Noch nicht einmal begonnen hat nach jahrelangen Querelen der Bau eines Einheitsdenkmals in Berlin.

Inzwischen ist eine Generation erwachsen, die sich Teilung, Kalten Krieg und mindestens 140 Tote an der Berliner Mauer kaum mehr vorstellen kann. Manche jungen Besucher der East Side Gallery machen Selfies vor den bunten Bildern, ohne richtig zu wissen, dass die meterhohen Betonwände zu den DDR-Grenz­anlagen gehörten, die erst nach dem Mauerfall aus Freude bemalt wurden.

Dennoch ist Mauerstiftungs-Direktor Axel Klausmeier vom Interesse der jüngeren Generationen an der Geschichte überzeugt. Sie stellten neue Fragen, wollten etwa wissen, wie es sich im DDR-Alltag lebte, wie junge Leute in ihrem Alter damals klarkamen. „Dass die DDR eine Fußnote der Geschichte wird – das sehe ich nicht“, so der 54-Jährige.

DDR-Grenzsoldaten schließen ein Loch, das Jugendliche in die Berliner Mauer gestemmt haben. Foto: dpa

„Wir müssen reden“ – das ist oft zu hören, wenn es um bröckelnden Zusammenhalt in der Gesellschaft geht, um frustrierte Ostdeutsche und deren Geschichten von Entwurzelung und zerbrochenen Gewissheiten – so wie es der Bundespräsident formuliert hat. Er plädiert dafür, die Runden Tische – entstanden in der Umbruchzeit in der DDR – wiederzubeleben: „nicht zur Vermeidung von Streit“, gestritten werden solle aber „mit Regeln und mit Respekt“. Doch kann das helfen?

Katrin Budde, die für die SPD im Bundestag sitzt und dort den Kulturausschuss leitet, sagt: „Die Stimmung 30 Jahre nach dem Mauerfall ist schlechter geworden, obwohl es vielen Ostdeutschen wirtschaftlich besser geht.“ Warum? Weil viele Ostdeutsche ihr Leben als entwertet empfänden, sagt die 54-Jährige. Wer wolle die Geburtstagsfeier damals mit Oma, Opa und den Kindern jetzt nur unter dem Stichpunkt Diktatur sehen? „Das wirkt wie ein schleichendes Gift.“ Diejenigen, die die DDR friedlich beerdigten, müssten mehr anerkannt werden.

1989 überklebten Menschen Straßenschilder: Hier wurde aus der Straße des 17. Juni die Straße des 9. November. Foto: imago images / Martin Wagner/Martin Wagner imago images / Martin Wagner

Einstige Oppositionelle wie Marianne Birthler sehen sorgenvoll, wie die rechtspopulistische AfD mit Parolen wie „Vollende die Wende“ das Thema an sich gerissen und bei den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen Rekordergebnisse eingefahren hat. In einer Erklärung verwahren sich ehemalige Bürgerrechtler gegen die AfD-Behauptung, dass nun ähnliche Verhältnisse wie in der DDR herrschten. Die Ziele der friedlichen Revolution hätten sich doch erfüllt – Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.

Geschönte DDR-Bilder

Indes hat der frühere Bundespräsident Joachim Gauck noch lange Schatten in den Seelenlandschaften vieler Ostdeutscher ausgemacht. Der einstige Pfarrer aus Rostock hatte von 2012 bis 2017 das höchste Staatsamt inne, zuvor nach der Wiedervereinigung die neue Stasi-Unterlagen-Behörde geleitet. Geschönte DDR-Bilder widerten ihn an, so Gauck. Er meint, vielen Ostdeutschen fehle „dieser absolute Durchsetzungswille“ sowie Wettbewerbsmentalität.

Die Bundesregierung sieht zwar weitere Fortschritte beim wirtschaftlichen Aufholprozess. Doch etliche Menschen seien hier „veränderungsmüde“ mit Blick auf digitalen Wandel und Globalisierung, hat der Ostbeauftragte der Regierung, Christian Hirte, ausgemacht. Dennoch findet er: „Die Situation im Osten ist viel besser als ihr Ruf.“ Löhne und Renten seien überproportional gestiegen, die Arbeitslosigkeit sei gesunken.

Die geringere Wirtschaftskraft hängt laut jüngstem Einheits-Bericht mit strukturellen Faktoren zusammen – so fehlten Konzernzentralen großer Unternehmen. Viele Jüngere seien nach dem Zusammenbruch der Ost-Wirtschaft in den Westen gegangen. Hirte sagt: „Ich halte das für einen hanebüchenen Unsinn, dass der Eindruck erweckt wird, der Westen habe ab 1990 quasi den Osten überrannt und ausgebeutet.“

Die Linke-Fraktion im Bundestag sieht hingegen große Schäden, die die Treuhand bei der Umwandlung der DDR-Planwirtschaft angerichtet habe. Das sei bis heute eine Ursache für ökonomischen Rückstand und politischen Frust im Osten, analysiert Fraktionschef Dietmar Bartsch. Seine Prognose: „Mit dem aktuellen Tempo erreichen wir die wirtschaftliche Einheit 2081, die Lohnangleichung 2073.“