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Frankfurt/Main: Lotto-Ziehung: Über Frankfurts Dächern in Minuten zum Millionär

Frankfurt/Main : Lotto-Ziehung: Über Frankfurts Dächern in Minuten zum Millionär

Wenn die Lotto-Kugeln am Samstagabend hoch über den Dächern Frankfurts rollen, wird nichts dem Zufall überlassen. Jedes Detail der ARD-Live-Sendung aus der Finanzmetropole, bei der Woche für Woche gut fünf Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm auf einen Geldsegen und damit auf ein besseres Leben hoffen, ist tausendfach durchgespielt.

Perfektion wird bei der Ziehung der Glückszahlen vor der in Deutschland einzigartigen Skyline ganz groß geschrieben. Nur in den Trommeln selbst regiert unangefochten Kommissar Zufall: Er macht innerhalb von ein paar Minuten manchen zum Millionär und lässt gleichzeitig Träume wie Seifenblasen zerplatzen.

„Die eigentlichen Stars der Sendung sind die 49 Kugeln, dann (Moderatorin) Franziska Reichenbacher und dann Frankfurt”, sagt Jürgen Redlinger, Redakteur beim Hessischen Rundfunk (hr). Vor gut zwei Jahren hat er die Lotto-Sendung aus dem Keller des hr-Funkhauses im Stadtteil Dornbusch in das höchste Fernsehstudio Europas im Bankenviertel geholt.

Seitdem spielt Glücksgöttin Fortuna in fast 200 Metern Höhe die Gewinne aus. Das Premiumprodukt sollte „zeitgemäß und ein bisschen glanzvoller präsentiert werden”. „Viele wussten gar nicht, dass die Ziehung der Lottozahlen aus Frankfurt kommt, und wir wollten damit durchaus auch den Standort des hr innerhalb der ARD betonen”, beschreibt Redlinger die Gründe des Standortwechsels.

„Wir haben das Konzept eine ganze Woche geprobt”, erinnert sich der Meister des Lichts und der Kameras, Wolfgang Sudikatus. „Und wir nehmen immer noch kleine Änderungen vor.” Das Studio im 53. Stock des Hochhauses der Landesbank Hessen-Thüringen (HeLaBa) ist klein, die zehn Fenster sind riesig, und die Sonne taucht den Raum je nach Jahreszeit, Wolkenformationen und Niederschlag immer wieder in ein völlig anderes Licht.

„Das war so gewollt, wir möchten die verschiedenen Jahreszeiten zeigen, und der Zuschauer sieht auch, wie das Wetter ist”, sagt Sudikatus. Schon etwa fünf Stunden vor dem Beginn der Sendung, die gemeinsam mit der „Tagesschau” zu den traditionsreichsten im Ersten gehört, fängt Sudikatus mit seinem Team aus Beleuchtern, Kameraleuten, Kabelhelfern und Energieversorgern an, die nahezu 100 Scheinwerfer einzustellen.

Jeden Samstag ist ihre Aufgabe ein bisschen anders - je nach Lichtverhältnissen. „Am schwierigsten ist es, wenn die Sonne erbarmungslos reinknallt”, erzählt Sudikatus. Die Vorbereitungen für die Sendung beginnen aber noch früher: Schon gegen Mittag werden die durchsichtigen Ziehungsgeräte für die Glückszahlen - Spiel 77, Lotto und Superzahl - aus ihrem Kämmerchen in einem der unteren Stockwerke geholt und vor der Fensterfront im Studio an exakt festgelegten Plätzen aufgestellt.

Gegenüber wird ein Podest zusammengezimmert, von dem aus die Mitarbeiter von Hessen Lotto und der Aufsichtsbeamte die Ziehung der Kugeln später haargenau verfolgen und überwachen können - für den TV-Zuschauer unsichtbar. Dort hat auch die eigentliche Glücksfee, Christine Schönsiegel von Hessen Lotto, ihren Platz. Im Wechsel mit drei anderen Kollegen bedient die Ziehungsassistentin die Schalter, die die Kugeln in der Trommel mischen und sie schließlich rollen lassen.

Der Ziehungsleiter entscheidet vorher noch, wie oft sich die elektromagnetisch angetriebene Acryl-Trommel drehen soll. Vier Kameramänner - darunter ein Spezialist mit einer Krankamera - gehen bald nach dem ersten Einleuchten des Studios schon ihre Positionen ab. Sie müssen höllisch aufpassen, sich auf dem engen Raum mit den sperrigen Geräten und den vielen Kabeln nicht in die Quere zu kommen, wenn sie gleichzeitig den Standort wechseln.

Höchste Vorsicht ist geboten, denn jede Einstellung muss stimmen und ist auch im Foto festgehalten: So lässt sich der Lauf der Tischtennisbälle mit den Glückszahlen während der gesamten Ziehung lückenlos verfolgen, bis zum Fall in die Becher. An sogenannten Storyboards „mit Bildern, wie wir es zu sehen wünschen” (Sudikatus) können sich die Kameramänner zur Sicherheit orientieren.

Mancher, der schon länger nicht mehr zum Lotto-Dienst eingeteilt war, heftet sie sich vorsichtshalber an die Kamera. Die Aufregung ist den Männern anzumerken. „Das ist die einzige Sendung, bei der ich noch feuchte Finger habe”, sagt ein Kameramann, der schon seit Jahrzehnten im Geschäft ist. Sein Kollege spricht von „einer schwierigen Sendung für alle Beteiligten”.

„Es muss alles stimmen.” Daher werde auch keine Sendung so oft geprobt wie diese. „Die Genauigkeit hat damit zu tun, dass man den Zuschauer bewusst die ganze Ziehung, den Weg der Kugel durch das Ziehungsgerät, live miterleben lassen will”, sagt Lotto-Moderatorin Reichenbacher. Seit fast zehn Jahren präsentiert sie als Nachfolgerin von Karin Tietze- Ludwig die die sechs Richtigen.

„Die Sendung muss ohne einen Fehler ablaufen: Wenn da mal ein Bild wackelt, dort mal eine Kugel hängenbleibt, oder ich mich zwei Mal verspreche, dann verursacht das Irritationen beim Zuschauer und Zweifel an der Verlässlichkeit.” Das dürfe keinesfalls passieren, schließlich gehe es bei der Sendung unter notarieller Aufsicht um viel Geld, eben um Millionen.

Den höchsten Einzelgewinn strich mit 37,6 Millionen Euro erst im Oktober 2006 ein Krankenpfleger aus Nordrhein-Westfalen ein, wie Dorothee Hoffmann von der Lotterie-Treuhandgesellschaft mbH Hessen berichtet. Mehr als 4000 Menschen habe Lotto seit seinen Anfängen 1956 zu Millionären gemacht. Einer der ersten war ein Hotelbesitzer, der nach dem Gewinn sein Hotel dichtmachte und an dem Haus ein Schild anbrachte, auf dem zu lesen war: „Wegen Reichtum geschlossen”.

Einige Jahre später habe er das Hotel allerdings wieder geöffnet, die Hintergründe sind nicht bekannt. Fast alle Gewinner wollten ohnehin anonym bleiben, berichten Hoffmann und Reichenbacher. Die Ziehung der Lotto-Zahlen muss nicht nur im Fernsehen exakt zu sehen sein, sie ist auch öffentlich. Bis zu 18 Zuschauer dürfen in dem kleinen Studio mitfiebern. Nur wenige Meter von den Kugeln entfernt können sie deren verhängnisvollen oder vielversprechenden Weg verfolgen.

Einzige Voraussetzung: Sie müssen sich anmelden und können in dem einzig öffentlich zugänglichen Hochhaus Frankfurts nicht einfach auf dem Weg zur Aussichtsplattform im Stock darüber mal bei der Sendung vorbeischauen. „Keiner von uns kann sagen, ich hab´ da mal meinen Papa mitgebracht”, bringt es Aufnahmeleiterin Silke Jansen auf den Punkt. Von der Aufnahmeleiterin über die Glücksfee bis zum Beleuchter versuchen viele, die am Samstag mit Lotto ihr Geld verdienen, damit auch ihr Glück.

„Das System ist so sicher, es gibt niemanden, der nicht Lotto spielen dürfte”, sagt Redlinger. „Manche Kollegen schreiben die Zahlen während der Sendung schon mal mit”, berichtet Sudikatus. Für ihn selbst gilt aber wie für die meisten, die hinter und vor den Kulissen an der Sendung beteiligt sind: „Ich muss meine Sinne beisammen haben und kriege gar nicht mit, welche Zahlen gezogen werden.”

Franziska Reichenbacher trägt ihren Tippschein in der Tasche mit sich herum und weiß beim Vorlesen der Zahlen überhaupt nicht, ob sie diese selbst angekreuzt hat oder nicht, wie sie erzählt. Redlinger hält viel von der Disziplin seiner Leute und ist überzeugt: „Auch bei sechs Richtigen würde keiner durchs Bild rennen. Die würden alle den Anstand wahren.” Knapp drei Stunden vor der Sendung wird zum ersten Mal geprobt.

Aufnahmeleiterin Jansen spielt die Glücksfee und geht zwei Mal Reichenbachers auf Schritt und Tritt festgelegten Parcours zwischen den Geräten ab. „Mit Reichenbacher hat die Lotto-Fee laufen gelernt”, heißt es in der Redaktion. Jansen testet auf ihrem Weg durch das Studio die Länge des Moderationstexts, den Reichenbacher selbst schreibt, auf die Sekunde. Später wird die Aufnahmeleiterin mit Handzeichen signalisieren, ob Reichenbacher zu schnell oder zu langsam ist.

Über Headsets schaltet sich die Redaktion aus dem hr- Funkhaus ein, neben rund 30 Beschäftigten im Main Tower mit der markanten rot-weiß gestreiften Antenne wirken im Haupthaus noch mindestens sechs Menschen an der „Mini-Sendung mit dem Riesenspannungsbogen” (Reichenbacher) mit. „Wir kämpfen teilweise um Sekunden”, sagt Aufnahmeleiterin Jansen.

„Im Anschluss kommt die „Tagesschau”, und die hat Priorität. Wenn wir überziehen, werden wir mitten im Wort abgeschnitten.” Dabei spielt beim Lotto auch König Fußball mit: Besonders genau muss es in der Fünf-Minuten-Sendung in Bundesliga-Zeiten zugehen. Außerhalb der Saison, wenn die Lotto-Sendung zwei Minuten länger dauert, „haben wir schon mal eine halbe Minute Puffer”. In diesen Zeiten wird auch das Spiel 77 live ausgespielt, für die Fünf-Minuten-Sendung wird es kurz vorher - natürlich unter Aufsicht - aufgezeichnet.

Sofort danach wird der Zugang zu dem Gerät mit einem roten Band abgesperrt, damit es niemand im Studio mehr berührt, auch nicht aus Versehen. Die Gewinnzahlen der Lotterien „Super 6” und „GlücksSpirale” werden noch vor der Ziehung in Saarbrücken und München ermittelt, dann in den Main Tower übermittelt und in der Live-Sendung „ohne Gewähr” vorgetragen. Und wenn doch mal was schief geht?

„Für alles gibt es immer einen Havariefall, damit wir dann nicht mehr nachdenken müssen. Die Zeit haben wird dann nicht mehr”, sagt Jansen. Bis eine halbe Stunde vor Beginn der Sendung kann auch das Gerät mit den 49 Kugeln noch einmal ausgetauscht werden, wie vor ein paar Monaten, als ein Keilriemen zu locker war. Danach muss der Aufsichtsbeamte entscheiden, was passiert. Dieser trifft noch vor den letzten Proben ein, diesmal ist es Peter Rötzer aus dem Bayerischen Finanzministerium.

„Der Aufsichtsbeamte hat sich vor der Ziehung vom ordnungsgemäßen Zustand des Ziehungsgeräts und der 49 Kugeln zu überzeugen”, wird seine Aufgabe beschrieben und an einen der berühmtesten Sätze im TV erinnert. Jahrzehntelang fehlte dieser Satz bei keiner Ziehung, bis er 1986 gestrichen wurde. Für Franziska Reichenbacher gehörte er aber einfach dazu, war für sie Kult, und so griff sie ihn zwölf Jahre später wieder auf.

Der Finanzbeamte überwacht aber auch das Geschehen und dokumentiert am Ende gemeinsam mit dem Ziehungsleiter die gezogenen Zahlen mit Brief und Siegel. Erst dann ist die Ziehung amtlich beurkundet und gültig. Bernd Koepcke von Hessenlotto bringt an diesem Samstag die Kugeln für die Spiele Super 6 und 6 aus 49 aus dem Tresor mit und legt sie in die Trommeln. Ziehungsleiter Jürgen Wolter erscheint vorsichtshalber im schicken, hellen Anzug.

Denn wenn irgendetwas schief geht, schwenken die Kameras auf ihn, und er muss entscheiden, was gilt. So wie vor einigen Jahren, als beim Spiel 77 eine Kugel zerplatzte. „Das war für die Zuschauer etwas unklar, das musste annulliert werden. Eine kaputte Kugel konnte nicht gezogen werden”, sagt Wolter. Klarer sei dagegen die Lage gewesen, als bei einer Ziehung zwei Kugeln aufeinander in denselben Schlitz fielen.

„Beide Zahlen galten. Man kann die Kugeln ruhig senkrecht ziehen, man muss sie nicht horizontal ziehen.”