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Bautzen/Cunewalde: Lichterpyramiden statt Krippenspiel: Deutschlands größte Dorfkirche

Bautzen/Cunewalde : Lichterpyramiden statt Krippenspiel: Deutschlands größte Dorfkirche

Draußen hat sich die frühe Dunkelheit längst über die Oberlausitz gesenkt. Die Berge sind nur noch als schwarze Umrisse erkennbar. Wenn sie im Winter auch noch verschneit sind, dann ist der raue Dezemberabend der perfekte Kontrast zur kerzenerleuchteten Heilig-Abend-Vesper in Deutschlands größter Dorfkirche.

Über 2000 Menschen rücken dann südlich von Bautzen im Cunewalder Gotteshaus zusammen. Vor allem dann, wenn es nach der Predigt auch im Kirchraum kurz dunkel wird. Es dauert nur Augenblicke, dann ziehen aus dem hinteren Teil der Kirche 35 Kinder und Jugendliche mit Lichterpyramiden ein. Sie sind mit Kerzen bestückt und mit Glaskugeln behängt. Neuer Glanz erstrahlt.

Die Gemeinde singt „Vom Himmel hoch, da komm ich her”. Die Pyramidenträger stellen sich vor dem Altar auf. Ihre insgesamt 700 Kerzen vereinen sich zu einem Lichtermeer. Der Chor stimmt ein jubelndes Hosianna an und es erklingen weitere Lieder. Nach etwa 20 Minuten ziehen die Jugendlichen wieder aus.

Manch Cunewalder mag das mit Vorfreude erwartete Ritual stets mit Gänsehaut verfolgen: die Kerzen, die funkelnden Glaskugeln und die Kindergesichter im milden Licht. Auch Pfarrer Heino Groß bescheinigt dem Lichterzug einen besonderen Zauber. Der Brauch beschert ihm wenigstens einmal im Jahr eine volle Kirche.

Vor über 200 Jahren wurde sie mit mehr als 2600 Plätzen gebaut. Bislang wurde kein größeres Gotteshaus in einem deutschen Dorf gefunden. Neben den Cunewaldern kämen Besucher von Dresden bis Görlitz, heißt es. Auch Reisebusse seien schon von weiter her zur Christvesper gekommen.

Die Tradition des Lichterzuges reicht mindestens bis 1817 zurück. Er wurde eingeführt, weil das sonst übliche Krippenspiel nur für einen kleinen Teil der Gemeinde in der großen Kirche zu hören war. Zugleich nutzten die Cunewalder die wiederverwendbaren Lichterpyramiden als Alternative zu den teuren Weihnachtsbäumen.

Heino Groß schätzt die Zahl der alten Lichterpyramiden im Ort auf 50. Sie werden zum Teil schon Wochen vor Weihnachten hergerichtet und den Jugendlichen dann für den Lichterzug geliehen. Die Christvesper ist zwar ein Besuchermagnet. Dennoch geht Pfarrer Groß auch ein Stück auf Distanz. Der Heilig-Abend-Gottesdienst sei sicher ein Höhepunkt, aber es sei auch viel Folklore dabei und die Predigt nur Beiwerk. „Für die Botschaft, die wir vermitteln wollen, ist Weihnachten eher schlecht.”

Meist beschäftigten sich die Menschen mit Äußerlichkeiten. Auch wenn der Lichterzug als eine ziemlich alte Tradition gelten darf, blieb er von den Zeitläufen nicht verschont. Ende der 70er Jahre musste die Gemeinde im Westen um Kerzen bitten, da diese in der DDR Mangelware waren. Die per Brief übermittelte Bitte begründete damals eine Partnerschaft mit Christen in Niedersachsen.

Kompromisse fordert auch die Gegenwart. So musste die strenge Regel, wonach nur Konfirmanden die Pyramiden tragen dürfen, aufgeweicht werden. Geburtenknick und Abwanderung haben die Einwohnerzahl im Ort auf gut 5000 sinken lassen. Nach dem Krieg habe es im Jahr noch 100 Konfirmanden im Ort gegeben, im vergangenen Jahr waren es sieben, aktuell sind es 14.

Neben ihnen müssen für den Lichterzug in die Kirche nun auch ältere und jüngere Kinder geworben werden. Dennoch gibt es bei anderen strengen Regeln kein Pardon. Dazu gehört die Forderung „Keine Nylonsachen!” und „Haare wegstecken!”. Das Ritual erfordert höchste Aufmerksamkeit für den Brandschutz. Zu den Gästen der Christvesper zählen deswegen immer auch einige Feuerwehrleute.

Auch Pfarrer Groß hat die Tücken der Lichterpyramiden schon am eigenen Leib verspürt. Als er für einen regionalen TV-Sender ein Interview gab, entzündete sich seine Jacke an einer eigens aufgestellten Pyramide. „Ich brenne eben für meinen Beruf”, kommentiert er das Missgeschick.