1. Panorama

Frankfurt a.M: Kreuze am Straßenrand: Die Bedeutung von Trauerstätten am Unfallort

Frankfurt a.M : Kreuze am Straßenrand: Die Bedeutung von Trauerstätten am Unfallort

Kreuze am Straßenrand, daneben ein ewiges Licht - sie stehen überall im Land, aber jetzt fallen sie besonders auf, in der Vorweihnachtszeit.

Auch auf der Wegscheide im Odenwald auf einer Kuppe, an der sich vier Straßen kreuzen, ist ein solches Mahnmal zu sehen. „In der Adventszeit stellen wir immer Lichter hin”, sagt Monika Nell, Mutter der kleinen Marion, die vor 13 Jahren tödlich verunglückte.

Sie pflegt die Stelle, ihr Mann Manfred hat das Kreuz damals gebaut, „mit der Flex aus einer Fensterbank geschnitten”, sagt er. „Es war ein Muss für meine Tochter und um anderen Leuten das Leben zu retten.”

Auch Erika und Harald Purkert pflegen die Stelle, an der ihr Sohn Stefan im Juni 1999 im Alter von 19 Jahren mit dem Auto tödlich verunglückt ist. Das Kreuz geschmiedet und dort aufgestellt haben seine Kameraden von der Feuerwehr.

Für Erika Purkert gehört es zum eigenen Trauerprozess, die Familie fährt immer daran vorbei, wenn sie das Dorf im Odenwald verlässt. Auch anderen soll der Ort dazu dienen: „Ich könnte mir vorstellen, dass es gerade für junge Leute angenehmer ist, die Stelle an der Straße zu besuchen als am Grab zu stehen, weil mit dem Friedhof eine höhere Hemmschwelle verbunden ist.”

Eine Erlaubnis für das Kreuz am Straßenrand haben sich weder Nells noch Purkerts eingeholt. „Es gibt eine Regelung, dass niemand an der Straße Einrichtungen ohne Genehmigung anbringen darf, seien es Werbeanlagen, Hinweisbeschilderungen, Kreuze oder andere bauliche Einrichtungen”, erklärt Bolko Schumann, Pressesprecher vom Amt für Straßen- und Verkehrswesen in Frankfurt.

So weit die Theorie. „Wir wissen natürlich, dass an Straßen bei gewissen schweren Unfällen, wenn es dort zu Tötungen kam, die Hinterbliebenen über Kreuze auf diese Unfälle hinweisen wollen und in diesen Fällen dulden wir das, ohne dafür eine generelle Genehmigung zu erteilen”, schildert er die Praxis. Es handelt sich also tatsächlich um eine rechtliche Grauzone.

Mit den seelischen Aspekten dieser Trauerkultur beschäftigt sich der Pfarrer und Notfallseelsorger Ingmar Neserke. Das häufigste Motiv für das Aufstellen eines Straßenkreuzes sei, dass so etwas auf gar keinen Fall noch einmal passieren soll. „Er oder sie soll nicht ganz umsonst gestorben sein”, so Neserke. Aus seinen Gesprächen mit Betroffenen hat er ein Konzept zur Trauerbegleitung entwickelt und einen Verein namens „InheRit e.V.” gegründet, eine Abkürzung für „Initiative helfendes Ritual”.

Im Rahmen seiner Forschung ist er auf drei wichtige Aspekte gestoßen: Zum einen breitet sich das Ritual mit dem Mahnmal am Straßenrand immer weiter aus, und das Symbol des Kreuzes hat dabei eine zentrale Bedeutung.

Andererseits scheint es eher ein männliches Trauerritual zu sein. In den meisten Fällen, die Neserke untersucht hat, haben Männer das Kreuz nicht nur aufgestellt, sondern auch selber gefertigt - wie Manfred Nell das Kreuz für seine Tochter. „Da geht ein Mann alleine mit seinem Werkzeug in den Wald und baut an die Stelle seiner Trauer ein Kreuz. Er bearbeitet seine Trauer handwerklich”, erklärt Neserke.

Das könne daran liegen, „dass die Trauer auf dem Friedhof eine stark sozial kontrollierte Trauer ist und Männer in unserer Gesellschaft sehr stark trauerverhindert sind, also alles, was unter der Schiene Ein Mann weint nicht läuft.” Zudem richte sich die patriarchal strukturierte Kirche eher an die Frau als Gemeindemitglied. „So lange Kirche so strukturiert ist, werden Männer weniger in den Blick genommen.”

Diese Lücke möchte Neserke mit seinem Verein schließen. Doch auch für einen sehr praktischen Aspekt setzt sich der Pfarrer ein. „Wie sind die Sicherheitsaspekte und wie lassen sie sich verbinden mit der positiven Trauerarbeit, die da geleistet wird.”

Das Schlimmste wäre, wenn die Hinterbliebenen selbst zu Unfallopfern würden, weil sie am Straßenrand anhalten, um diese Grabstelle zu pflegen. Damit das nicht passiert, fordert Neserke, sollen Standards erarbeitet werden. Damit Angehörige wie Manfred Nell einen geschützten Ort für ihre Trauer haben.