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Berlin: Koffer kostet extra: Billigflieger suchen neue Einnahmequellen

Berlin : Koffer kostet extra: Billigflieger suchen neue Einnahmequellen

Für 39 Euro ans Mittelmeer, „Jubelpreise” ab neun Euro oder „Gratisflüge” im kommenden Winter: In der Werbung trommeln die Billigflieger wie eh und je für spektakuläre Schnäppchen. Doch bei der Buchung stoßen Kunden neben dem reinen Ticketpreis zusehends auf Extrakosten vom Kerosinzuschlag bis zu neuen Gebühren für das Aufgeben des Reisekoffers.

Denn die selbst ernannten Preisbrecher suchen inzwischen verschärft nach zusätzlichen Einnahmequellen. Nach Jahren der Expansion zählen finanzielle Polster mehr denn je, um im harten Wettbewerb nicht ins Trudeln zu geraten - erst recht in Zeiten hoher Treibstoffkosten. Verbrauchervertreter warnen bereits vor schwer durchschaubaren Tarifen, die kaum noch zu vergleichen sind.

Aus ihrer Mischkalkulation machen große Billigflieger dabei gar kein Geheimnis. Die Flugpreise sollen weiter sinken, heißt es bei Europas Marktführer Ryanair. Dafür würden Gebühren, die „im Ermessen des Kunden liegen”, durchaus erhöht. Das gilt etwa für Koffer, die am Schalter aufgegeben werden.

Bei der Onlinebuchung sind für das erste Gepäckstück zehn Euro je Strecke zusätzlich fällig. Am Flughafen kostet es das Doppelte. Jedes Kilogramm über 15 Kilo kostet weitere 15 Euro, wie eine Übersicht im Internet angibt. Die Begründung für die Kunden formuliert Firmenboss Michael OLeary gewohnt direkt. „Wir wollen nicht, dass Sie Gepäckstücke einchecken.” Schließlich bräuchte man dann gar nicht erst zum Schalter zu kommen, was Kosten spare.

Dieser Linie folgen inzwischen mehrere Konkurrenten. Die britische Easyjet berechnet für aufgegebenes Gepäck bis 20 Kilogramm 7,50 Euro extra. Vor kurzem zog auch die Lufthansa-Beteiligung Germanwings nach und verlangt fünf Euro für Gepäck bis 23 Kilo.

Dahinter stehe, dass die Flughäfen für Gepäckabfertigung samt Sicherheitsvorkehrungen von den Airlines selbst Gebühren verlangten, sagt ein Easyjet-Sprecher. „Deshalb sollen auch nur diejenigen für Koffer bezahlen, die Kosten verursachen.” Wer mit Handgepäck jetten kann wie Geschäftsreisende, zahlt denn auch nicht drauf. Urlauber, die das Nötige für zwei Wochen Sommerferien mitnehmen, kommen aber kaum noch um Zuzahlungen herum.

Teils lockern Billigflieger sogar gewohnte Sparprinzipien, um weitere Einnahmequellen zu erschließen. Mehrere Anbieter werben zum Beispiel damit, gegen Gebühr einen Wunschsitzplatz zu reservieren oder als einer der ersten an Bord gehen zu können. Bis alle Gäste sitzen, entsteht nämlich oft Gedränge, weil beim Einchecken sonst keine festen Plätze zugeteilt werden.

Verbraucherschützer sehen den Trend zu neuen Nebenkosten kritisch. Die Vergleichbarkeit auf den ersten Blick werde schwerer, heißt es bei der Schlichtungsstelle Mobilität, die beim Verkehrsclub Deutschland angesiedelt ist und in hartnäckigen Streitfällen vermittelt. Beim Buchen werde Kunden zudem immer mehr selbst abverlangt, sagt Projektleiterin Heidi Tischmann. „Wer im Internet einen Haken vergisst, zahlt später oft mehr.”

Die kampferprobten Billigflieger liefern sich derweil auch beim Umgang mit Extra-Gebühren Scharmützel um die Gunst der Kunden. Nie und nimmer würden sie Kerosinzuschläge einführen, beteuern Ryanair und Easyjet unisono und zielen damit nicht zuletzt auf den Rivalen Air Berlin. Die zweitgrößte deutsche Airline, die nach rasanter Offensive um ihre Ertragskraft kämpft, hat ihren Treibstoffzuschlag gerade erst erhöht - zu europäischen Städten liegt er nun bei 25 Euro je Strecke. Dafür kommen Gepäck-Gebühren wie bei Ryanair und Easyjet nicht in Betracht, wie eine Sprecherin betont. Und einen Snack plus Getränk gebe es an Bord inklusive und nicht nur gegen Bezahlung.

Dass der Wettbewerb wegen der steigenden Ölpreise härter wird, hat jedoch alle Anbieter alarmiert. Die ersten Firmenkapitäne sagen sich bereits wieder gegenseitig den baldigen Absturz voraus. Denn teurer Treibstoff dürfte zwar auch klassischen Fluggesellschaften mit ihren Langstreckenrouten zu schaffen machen. Bei den Billigfliegern hat sich die himmelstürmende Expansion vergangener Zeiten aber ebenfalls stark verlangsamt, wie eine Studie des Flughafenverbandes ADV und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ergab. Lag das Wachstum ihrer Passagierzahlen 2002 noch bei immensen 360 Prozent, waren es im vergangenen Jahr auf dem deutschen Markt gut 20 Prozent.