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Hubert vom Venn bei „Tutti Frutti“: Knappe Früchtchen und ein Autor

Hubert vom Venn bei „Tutti Frutti“ : Knappe Früchtchen und ein Autor

Deutschland im Januar 1990: Cin-cin! Mit der Striptease-Show „Tutti Frutti“ schrieb RTL vor 30 Jahren Fernsehgeschichte. Mit dabei: Der Eifeler Kabarettist Hubert vom Venn. Wie man es in der Sendung mit Benimm-Regeln hielt und warum vom Venn mit Wirsing besondere Erinnerungen verbindet.

Kann sich noch jemand daran erinnern, dass bei „Tutti Frutti“ je gesprochen wurde!? Fragt man Hubert vom Venn, den Kabarettisten, Journalisten und Schriftsteller aus Roetgen, dann weiß er es besser. Vom Venn, der damals noch Hubert Franke hieß, Mitte 30 war und bei RTL Plus als Autor arbeitete, kann sich noch ganz gut an die Zeit erinnern. Denn er hat alles, was in der Sendung von Moderator Hugo Egon Balder an Zoten, Scherzen und Geistreichem verzapft wurde, für ihn geschrieben. „Das Wort Drehbuchautor“, sagt der heute 66-Jährige rückblickend, „wäre dafür allerdings ein wenig hochgehangen.“

RTL Plus war damals erst sechs Jahre alt und Deutschland befand sich in der spannenden Phase zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Viele DDR-Bürger genossen die neue Freiheit und fanden offenbar auch den Erotikmarkt des Westens interessant. Der Privatsender traf mit der ersten sogenannten TV-Striptease-Show Deutschlands in gewisser Weise den Zeitgeist. Am Dienstag vor 30 Jahren lief „Tutti Frutti“ erstmals im Fernsehen.

Zuvor war Hubert vom Venn zusammen mit Balder im Auftrag von RTL nach Mailand geflogen. Dort wurde die Show, die in Italien dank  Silvio Berlusconi längst wie selbstverständlich im Abendprogramm zu sehen war, produziert. „Wir sollten uns das mal anschauen“, habe man damals gesagt. Die Rückmeldung nach Köln war eindeutig: Das könne man so im deutschen Fernsehen nicht machen. Da waren sich Balder und vom Venn einig. Doch die Senderchefs sahen das anders. Man plante offenbar den kalkulierten Skandal, um auf den Fernbedienungen der Deutschen einen sicheren Platz zu finden. Mit Erfolg.

Vor drei Jahrzehnten regte die Show mit den nackten Brüsten viele auf – oft diejenigen, die eh kein RTL guckten oder vorgaben, es nicht zu tun. Doch „Tutti Frutti“ nach dem italienischen Vorbild „Colpo Grosso“ gehört bis heute zu den (Schmuddel-)Klassikern des deutschen Trash-TV. Die knapp 100 Folgen, die zwischen 1990 und 1992 ausgestrahlt wurden, gingen ins kollektive Gedächtnis ein.

Für Hubert vom Venn war es eine aufregende Zeit. Auch wenn das Studio, eine ziemlich kleine umgebaute Schreinerwerkstatt mit Showtreppe und Moderationspult, nicht gerade schillernd war und die Frauen im knappen Früchtekostüm schon ab der zweiten Staffel aus Budapest eingespielt wurden. „Aber wir konnten vor Ort machen, was wir wollten“, erinnert sich vom Venn.

Vielleicht erschließt sich aus diesen fast schon anarchischen Produktionsbedingungen auch das Missverständnis mit den „Länderpunkten“. Vom Venn ist quasi ihr Erfinder. Die Punkte konnten die Kandidaten erspielen. Wie genau sie zustande kamen, erschloss sich dem Zuschauer damals nicht. „Dabei habe ich mich an der Punktevergabe beim Fußball orientiert“, sagt vom Venn. „Zwei Punkte für jedes gewonnene Spiel, eigentlich ganz einfach.“

Drei Sendungen pro Tag wurden produziert. Und als die ersten in die deutschen Wohnzimmern flimmerten, war die Presselandschaft in Aufruhr. Alle waren nach Mailand gekommen, auch die seriösen Medien, um über die Sendung zu berichten, erinnert sich vom Venn. Man fühlte sich an die 70er erinnert, als die nackten Brüste von Ingrid Steeger im Comedyformat „Klimbim“ für Aufsehen sorgten, in den 80ern war die barbusige Corinna Drews in der Schickeria-Persiflage „Kir Royal“ ein TV-Ereignis. Heute geht es in zahlreichen Formaten viel expliziter zu und in gewisser Weise auch gleichberechtigter. Denn die Serien und Shows der 70er, 80er und 90er bedienten vor allem die Vorstellungen heterosexueller Männer, degradierten junge Frauen zu Lustobjekten.

Willkommen in den 90ern: Moderator Hugo Egon Balder führte durchs Programm. Foto: imago/teutopress/imago stock&people

Vor Ort in Mailand war das allerdings kein Thema. Darauf legt vom Venn wert, wenn er von damals erzählt. „Die Produktion war hoch professionell. Es war sogar verboten, im gleichen Hotel wie die Models zu nächtigen.“ Übergriffe oder Tätscheleien habe es nicht gegeben.

Was ihm ebenfalls in Erinnerung geblieben ist, ist der Wirsing. Als solcher verkleidet hatte vom Venn einmal einen kleinen Kurzauftritt zwischen all den Früchtchen. Bei der Abmoderation erklärte Balder dann, dass man das Rätsel aber gelöst habe. Im Kohlgemüse stecke der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff. Bald erscheine sein neues Buch: „Ich war Wirsing bei ‚Tutti Frutti’“. Ein Schlussgag, der damals prima funktionierte.