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Überlingen/Warnsdorf: Klarer Kopf und leerer Bauch: Fasten ist mehr als nur eine Diät

Überlingen/Warnsdorf : Klarer Kopf und leerer Bauch: Fasten ist mehr als nur eine Diät

Ob der Anzug spannt oder das Lieblingskleid zu klein wird - die Signale sind eindeutig: Gerade in den Wintermonaten spüren zahlreiche Menschen wieder ein paar Pfund zuviel auf die Rippen. Für viele ist das Fasten dann die schnellste Methode, dem Wunschgewicht wieder näher zu kommen.

„Das Abnehmen ist dabei aber nur der oberflächliche Aspekt”, sagt der Internist und Buchautor Hellmut Lützner aus Überlingen (Baden-Württemberg). „Fasten ist mehr als nur eine Diät, sondern tut Körper und Seele gleichermaßen gut.”

Daher sollte man als Fastender die Zeit dazu nutzen, um über sich selbst und den Umgang mit dem eigenen Körper nachzudenken, findet der 79-jährige Lützner, der 40 Jahre lang auch als Fastenarzt in der Kurklinik Überlingen tätig war. Welche Bewegung und wie viel Ruhe braucht mein Körper? Will ich mit der Ernährung der vergangenen Jahre weitermachen? Oder könnte ich auf Alkohol, Zigaretten und den ein oder anderen kalorienreichen Dickmacher verzichten? Das sind laut Lützner die zentralen Fragen, mit denen sich Abnehmwillige während der Zeit der Nahrungsenthaltung konfrontieren sollten.

Damit knüpft er an die ursprüngliche Idee des Fastens an, das zu den ältesten Naturheilverfahren gehört und bis heute in mehreren Religionen praktiziert wird: Während die Christen sich mit dem Fasten auf das Osterfest vorbereiten, üben sich Muslime im Ramadan in Enthaltsamkeit.

„Fasten kann prinzipiell jeder mit Ausnahme von Heranwachsenden, Schwangeren, stillenden Müttern und kranken Menschen”, erklärt die Ernährungsmedizinerin Marion Nöthig von der Fastenklinik Schloss Warnsdorf an der Ostsee. Wie die Erfahrung zeige, können ansonsten nicht nur Übergewichtige davon profitieren, sondern auch Diabetiker und Menschen mit Bluthochdruck. Außerdem könne das Fasten die Beschwerden von vielen Rheumatikern und Allergikern lindern.

Um selbstständig zu Hause oder im Urlaub zu fasten, bedarf es einer guten Vorbereitung. Fasten sei an Arbeitstagen zwar möglich, aber nicht unbedingt empfehlenswert, erklärt Lützner. Es sei wichtig, Anspannungen und Stress zu vermeiden und auch innerlich zur Ruhe zu kommen. Nach der so genannten Buchinger-Methode beginnt das Fasten daher mit einem Entlastungstag und leichter Kost. „Dadurch wird der Körper langsam auf die nächsten Tage vorbereitet, an denen man lediglich ein Zehntel des normalen Kalorienbedarfs zu sich nehmen wird”, sagt der Mediziner.

Schließlich darf man in den folgenden fünf bis zehn Tagen nichts essen, sondern nur Brühe, Frucht- und Obstsäfte, Tee und mindestens drei Liter Wasser zu sich nehmen. Ganz wichtig ist dabei auch die Darmentleerung am ersten Fastentag, die entweder durch Abführsalze oder einen Einlauf erfolgen sollte. „Ist der Darm nicht geleert, hat man während des Fastens ein Hungergefühl, so dass die Zeit eine Tortur wird und nicht die erwartete Erholung mit sich bringt.”

Doch das Fasten ist umstritten: „Viele Schulmediziner sehen diese Naturheilmethode mit großer Skepsis”, berichtet Nöthig. Zu ihnen gehört auch Manfred Müller, Leiter des Instituts für Humanernährung an der Universität Kiel. Er sieht im Fasten vor allem Belastungen für den Körper. „Die entschlackende Funktion des Fastens ist nicht bewiesen”, sagt der Experte. „Stattdessen ist der Bedarf an Nährstoffen während der Fastenzeit nicht gedeckt - und wenn man sie dem Körper vorenthält, geht es ihm schlechter.”

Gefährlich sei vor allem, dass den Knochen während des Fastens vom ersten Tag an Kalzium entzogen werde. „Dadurch steigt das Risiko einer späteren Osteoporose”, sagt Müller. Außerdem würden im katabolen, also in dem auf Abbau eingestellten Stoffwechsel neben den Fetten auch wichtige Eiweiße und somit Muskeln abgebaut.

Bewegung ist beim Fasten daher unerlässlich. „Man sollte in dieser Zeit viel Sport machen”, erklärt Lützner. „Allerdings keinen Leistungssport, sondern Bewegungen, die dem Körper gut tun.” Schwimmen sei ebenso ideal wie Bergsteigen oder Spazierengehen. Für viele Gesunde, die fasten wollen, bietet sich daher auch der Aufenthalt in einer Fastenklinik an, in denen die Sportangebote häufig vom Walken bis zur Wassergymnastik reichen. Gesunde Fastende müssen den Aufenthalt allerdings selber zahlen.

Ein weiterer Vorteil der Fastenkliniken ist die ärztliche Betreuung vor Ort. Denn auch wenn das Fasten in Eigenregie möglich ist, rät Nöthig zumindest zu einer ärztlichen Beratung. „Beim Fasten kann es schließlich zu Nebenwirkungen kommen”, erklärt die 46-Jährige. So können der Blutdruck und der Zuckerspiegel absacken und die Salzwerte zu niedrig sein. In diesen Fällen hätten Ärzte die Möglichkeit, einzugreifen und gezielt gegenzusteuern.

Doch ob allein oder in der Klinik: „Das Fasten macht auf lange Sicht nur einen Sinn, wenn man es als Startpunkt sieht, sein Leben umzustellen”, sagt Lützner, der selber jährlich ein- bis zweimal fastet. Wenn man stattdessen in den alten Trott und die ungesunden Ernährungsgewohnheiten verfällt, verpufft die positive Wirkung schnell, und es stellt sich der Jojo-Effekt ein: Die verlorenen Kilos kehren zurück.