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Kick durch Suff: Jugendliche organisieren Massengelage

Kick durch Suff: Jugendliche organisieren Massengelage

Genf. Sie strömen zu Hunderten in Parks, auf Marktplätze und an die Seen ihrer Heimat: Schweizer Jugendliche, die nur eins im Sinn haben: Saufen, Saufen, Saufen. Und das am besten inmitten einer grölenden Horde.

Die Massengelage von Heranwachsenden - nach dem spanischen Vorbild auch Botellon genannt - liegen in Helvetien voll im Trend. „Wir dröhnen uns so richtig zu”, erzählt Urs, ein 16-jähriger Zürcher Lehrling. Mit der eidgenössischen Liebe zum Detail perfektionieren die Schweizer Jugendlichen in diesem Jahr öffentliche Trinkgelage - und schocken das konservative Establishment.

Das nächste Mal wollen sie sich am 24. Oktober in Luzern treffen. Aufgerufen dazu wird im Internet. Dort werben die Veranstalter für eine „riesengroße Party unter freiem Himmel”, der geneigte Besuch könne auch „etwas Alkohol” konsumieren. Wörter wie „Besäufnis” allerdings werden auf den Seiten umgangen.

Die Welle hat das kleine, reiche Land schon vor Monaten erfasst: Zuerst versammelten sich mehr als 1000 Zecher in Genf, tranken bis zum Umfallen. Dann blieb auch die Hauptstadt Bern nicht verschont: Mehr als 500 Jugendliche trafen sich zum kollektiven Suff in der sonst so biederen Stadt.

Der vorläufige Höhepunkt des helvetischen Kampftrinkens ließ sich Ende August in Zürich beobachten: „Gegen 21 Uhr, dem offiziellen Beginn des Botellon, waren rund 400 bis 500 Jugendliche auf der Wiese am See”, hielt der Reporter des „Tages-Anzeigers” fest. „Doch mit jeder Tram, die bei der Haltestelle Höschgasse anhielt, strömten weitere Menschenmassen zur Blatterwiese beim Chinagarten - bewaffnet mit Kartons, Tragtaschen und Einkaufswagen voller Bierdosen, Weinflaschen und Spirituosen.”

Gegen Mittenacht schwoll die Menge auf 3000 Menschen an, der Lärmpegel wuchs ebenfalls merklich. Die Party eskalierte. Am nächsten Morgen bot sich den Zürchern dann ein ernüchterndes Bild: Abfallberge, Erbrochenes und Betrunkene.

Die meisten Trinker sind junge Männer, etwa der 17-jährige Jan Fröhlich. Der Teen hatte das Zürcher Botellon organisiert. Doch je größer der Zulauf wurde, desto nervöser reagierte Fröhlich. Dem Lehrling wuchs die ganze Sache über den Kopf. Schließlich ließ er per Internet wissen: „Durch die einseitige, ungenaue und zum Teil falsche Berichterstattung der Medien, welche aus einem friedlichen Zusammentreffen ein Massenbesäufnis herbeigeschrieben haben, bin ich in eine Situation gekommen, in welcher ich den Aufruf zu diesem Botellon nicht mehr verantworten kann.”

Sind also die Medien schuld? Der Soziologieprofessor Kurt Imhof gibt den Journalisten zumindest eine Teilschuld. „Nach der Medienberichterstattung müssen nun alle Jugendlichen hin”, urteilt er. „Wichtig für sie ist nicht mehr das Besäufnis, sondern der Kick der allgemeinen Empörung.” Schließlich sagte Imhof in einem Interview: „Jugendliche, macht Massenbesäufnisse! Ihr könnt viel Dümmeres tun. Allerdings auch Klügeres.”

Die Aussagen des Professors trieben vielen Eidgenossen die Zornesröte ins Gesicht. Botellones wurden zum Hauptthema der Leserbriefspalten. Der Gelehrte Imhof solle einmal „eine verkotzte Notaufnahme eines Spitals inspizieren”, hieß es.

Auch die Fachstelle für Alkohol und andere Drogenprobleme meldete ernste Bedenken an: In der Masse trinke der Jugendliche mehr und heftiger: „Es kommt eher zu Gewalt.” Die Schweizer Politiker hingegen stehen dem kollektiven Streben nach dem Vollrausch fassungslos gegenüber. Sollen Verbote her? Müssen massive Polizeikontingente die Lage unter Kontrolle bringen? Sollen die Veranstalter die Kosten für das Aufräumen, die Sicherheit und eventuelle Schadensersatzansprüche tragen?

Während Bundespräsident Pascal Couchepin zum Dialog mit den Jugendlichen riet, stammelte eine Zürcher Lokalpolitikerin nur noch: „Krank im Hirn.” Immerhin können sich die konservativen Schweizer trösten: Mit Beginn der kalten Jahreszeit dürfte auch die Lust der Jugend am Suff im Freien zurückgehen. Der nächste Frühling aber kommt bestimmt.