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Autobiografie: Kein Pausenbrot, keine Kindheit – keine Chance?

Autobiografie : Kein Pausenbrot, keine Kindheit – keine Chance?

Jeremias Thiel weiß, wie es ist, in Armut aufzuwachsen. Weil es ihm zu Hause so schlecht geht, meldet er sich selbst beim Jugendamt, wächst fortan in einem SOS-Kinderdorf auf. Heute studiert der 19-Jährige an einer Privatschule in den USA. Mit seinem Buch will er betroffenen Kindern eine Stimme geben.

Während der Fußball-Europameisterschaft im Juni 2012 durchkämmte der elfjährige Jeremias Thiel seine Heimatstadt Kaiserslautern nach Pfandflaschen und Bechern. Von den Besuchern beim Public Viewing zurückgelassen, bescherte ihm das Gesammelte endlich ein wenig Taschengeld. „So konnte ich mir die eine oder andere notwendige Sache kaufen, für die sonst kein Geld da war“, schreibt er in „Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance“. Das Buch mit dem Untertitel „Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss“ rangiert seit Wochen unter den ersten zehn Plätzen in der Spiegel-Bestsellerliste.

„Natürlich freut mich das, und es macht mich auch stolz“, sagt Jeremias Thiel. Geschrieben habe er das Buch aber nicht, um Bestsellerautor zu werden. „Ich will der Armut in Deutschland ein Gesicht geben.“ Er wisse ganz genau, wie es sich anfühlt, in Armut aufzuwachsen und stehe für viele, viele Kinder und Jugendliche in Deutschland. Deren Zahl ist tatsächlich hoch: Eine ganze Reihe von Studien belegt das. Zum Beispiel die der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2017. Demnach leben etwa 21 Prozent aller Kinder in Deutschland mindestens fünf Jahre lang durchgehend oder immer mal wieder in Armut. „Darüber wird viel zu wenig gesprochen“, sagt Jeremias Thiel. „Wenn ich also, indem ich darüber rede und schreibe, anderen helfen kann, dann will ich das unbedingt tun.“

Unsere Zeitung erreicht den 19-Jährigen telefonisch in Kaiserslautern, wo er mit drei anderen Studenten in einer Wohngemeinschaft lebt. Vorübergehend, denn eigentlich wohnt Jeremias Thiel in den USA. Er studiert Politik- und Umweltwissenschaften am St. Olaf College in Minnesota. Die Corona-Krise hat auch sein Leben auf den Kopf gestellt. Anfang April musste er nach Deutschland zurückkehren, seine amerikanische Freundin, die Studienfreunde und sein Zimmer auf dem malerischen Campus zurücklassen. Das Semester geht online weiter.

Will nach dem Studium in die Politik: Autor Jeremias Thiel ist SPD-Mitglied. Foto: Piper Verlag/Piper

In den USA zu studieren sei sein Traum gewesen, sagt er. Wie steinig der Weg bis dorthin war, auch davon erzählt er in seinem Buch. Immer wieder spielt Scham eine Rolle. Etwa, als ihm die Grundschullehrerin trotz guter Noten die Empfehlung fürs Gymnasium verweigerte. „Auf dem Etikett, das man mir aufgeklebt hatte, stand: schlauer Kerl, aber arm, keine Unterstützung aus der Familie, schlechte Prognose.“ Er schämte sich auch entsetzlich, als er zum Kommunionsunterricht jedes Mal seine stinkenden, abgetragenen Schuhe anziehen musste, weil er nur ein einziges Paar besaß. Traurige Szenen wie diese gibt es viele in „Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance“. Es ist aber auch ein Buch über Mut und Widerstandskraft.

Im September nach der Fußball-EM 2012 fasste Jeremias Thiel einen folgenschweren Entschluss. Er ging zum Jugendamt in Kaiserslautern und bat mit weichen Knien und klopfendem Herzen um Hilfe. „Ich möchte weg von zu Hause, weg von meinen Eltern“, sagte er und fühlte sich wie ein Verräter.

Von der Mutter eingesperrt

Am Abend zuvor hatte die Mutter ihn, seinen Zwillingsbruder und den älteren Halbbruder in der Wohnung eingeschlossen, um auszugehen. Sie war spielsüchtig und lebte in ihrer eigenen Welt. Die Jungen wussten nicht, wann sie zurückkommen würde. Sie riefen nach dem Vater, der von der Mutter getrennt in einer Ein-Zimmer-Wohnung im gleichen Haus lebte. Er hatte einen Schlüssel. Zuerst hörten aber die Nachbarn die Kinder schreien und riefen die Polizei. Als die Beamten eintrafen, hatte der Vater die drei schon befreit.

Das Jugendamt half und brachte Jeremias erst mal für ein paar Tage in einer Wohngruppe unter. Danach lebte er fünf Jahre im SOS-Kinderdorf in Kaiserslautern. „Endlich durfte ich so etwas wie Stabilität und Kindsein erleben. Mir fiel ein riesengroßer Stein vom Herzen.“ Es war die entscheidende Zäsur in seinem Leben. Sie ist es auch in seinem Buch, dessen beiden Teilen er die Titel „Davor“ und „Danach“ gegeben hat.

Der Großteil der Kinder in Deutschland lebt mit gesichertem Einkommen. Foto: grafik

SOS-Kinderdorf und Stipendium

Vom SOS-Kinderdorf, das er bis heute sein „gefühltes Zuhause“ nennt, ging es als Stipendiat zum United World College in Freiburg. Nach dem internationalen Abitur dort ist er zum Studium in die USA gezogen, das er sich ebenfalls über ein Stipendium finanziert. „Ich kenne das Leben in Armut ebenso wie den relativen Luxus in einer wohlhabenden Umgebung. Ich habe die Zustände in der Jugendhilfe ebenso erlebt wie die Ausbildung an einer fantastischen Privatschule.“

 Weder Jeremias Thiels Mutter noch der  Vater  waren in der Lage, sich um sich selbst, geschweige denn die Kinder zu kümmern. Die Mutter wurde von ihrer Sucht beherrscht. Der Vater war manisch-depressiv und nahm starke Medikamente. Beide waren langzeitarbeitslos und lebten seit Jahren von Hartz IV. Morgens die anderen wecken, Frühstück machen, einkaufen, Anträge ausfüllen – so gut wie alle alltäglichen Aufgaben übernahm Jeremias für die Familie. Auch sein Zwillingsbruder, an ADHS erkrankt, musste besonders gefördert werden. Erst später sollte Jeremias erfahren, dass bereits Kontakt zwischen dem Jugendamt und seiner Familie bestand. Sein Bruder und die Eltern waren schon mehrmals zu Gesprächen dort gewesen.

An dem Abend im September, als die Mutter die Kinder in der Wohnung einschloss, wusste Jeremias Thiel, dass es so nicht weitergehen konnte. „Die Angst war einfach zu groß geworden.“ Nicht nur, weil er keine Ahnung hatte, wo die  Mutter war und wann sie wiederkommen würde. „Ich hatte auch furchtbare Angst, in diesem irrsinnigen Leben stecken zu bleiben. Ich wusste damals nicht, dass es dafür einen Namen gibt: Kinderarmut.“ Damit meint er nicht Armut, wie sie von den Vereinten Nationen definiert wird. Demnach ist arm, wer von weniger als etwa einem Euro pro Tag

leben muss – absolute Armut wird das genannt. Was Jeremias Thiel meint, ist die sogenannte relative Armut.

Ständig enttäuscht

Arm sein, das sei nicht nur der rein ökonomische Nachteil, den viele Kinder selbstverständlich spüren. „Für mich zeigte und zeigt sich Armut besonders in Überforderung, Last und Strukturlosigkeit.“ Damit verbunden sei, dass Kinder ständig enttäuscht sind. „So habe ich es erlebt, und so erleben es jetzt gerade unzählige Kinder in diesem Land.“

 In der Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2017 bedeutet Armut, dass die betroffenen Kinder von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens  leben müssen. „Was für andere junge Menschen ganz normal ist – Freunde nach Hause einzuladen, ein Rückzugsort für Hausaufgaben, ins Kino zu gehen oder neue Winterschuhe zu kaufen –, dafür fehlt in ihren Familien oft das Geld“, heißt es in der Studie. In den allermeisten Fällen leben diese Kinder in Familien, die Hartz IV beziehen.

Laut Deutschem Kinderhilfswerk steigt der prozentuale Anteil der Kinder und Jugendlichen in Hartz-IV-Haushalten steigt immer weiter an. Nach aktuellen Berechnungen, die das Hilfswerk im April dieses Jahres veröffentlichte, erhöhte sich ihr Anteil auf jetzt 33,9 Prozent. Vor fünf Jahren hatte dieser Wert noch bei 31,8 Prozent, im vergangenen Jahr bei 33,4 Prozent gelegen. „Jeder dritte Hartz-IV-Empfänger ist ein Kind, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in Deutschland nur bei rund 16 Prozent liegt“, sagt Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes. „Deshalb brauchen wir eine Kindergrundsicherung, die ihren Namen verdient.“ Er schätzt, dass die Corona-Krise die Zahl der Kinder in Hartz-IV-Haushalten noch deutlich erhöhen wird.

Für Jeremias Thiel ist Hartz IV ein rotes Tuch. In seinem Buch widmet er Deutschlands größter Sozialreform aus dem Jahr 2003 ein eigenes Kapitel. „Man fragt sich heute mit Recht, was das Ganze eigentlich gebracht hat außer Kinderarmut, Diskriminierung und schlechten Wahlergebnissen für die SPD.“ Auch an letzterem würde er gerne selbst irgendwann etwas ändern – seit 2015 ist er Mitglied der Sozialdemokraten. Nach dem Studium möchte er beruflich in die Politik einsteigen. Momentan hofft er allerdings vor allem, Mitte August zurück in die USA fliegen zu können.