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Wien: Katzen würden Mäuse kaufen

Wien : Katzen würden Mäuse kaufen

Hund und Katze werden in Industrienationen häufig als vollwertiges Familienmitglied betrachtet. Nicht nur in Accessoires und Spielzeug für den Vierbeiner wird deshalb kräftig investiert, auch im Futternapf des Lieblings soll nur das Beste zu finden sein. In der Werbung suggerieren in edlen Schalen servierte Gourmet- Häppchen eine schöne heile Welt.

Dass es hinter den Kulissen der Tiernahrungsindustrie oft ganz anders zugeht, beschreibt der frühere Spiegel-Korrespondent Hans-Ulrich Grimm in seinem Buch „Katzen würden Mäuse kaufen”. Das kritische Werk erschien verzögert, weil der Tierfutterkonzern Masterfoods (u.a. Whiskas, Pedigree, Chappi, Frolic) eine einstweilige Verfügung gegen die kritische Abhandlung erwirkte. Dem österreichischen Deuticke- Verlag nach blieb der Inhalt dennoch unverändert, allerdings wurde ein anderer Umschlag gewählt.

23 Millionen Haustiere leben dem Autor zufolge derzeit in deutschen Wohnungen und Häusern, Fische und Schlangen nicht mitgezählt. „Für die Tiere ist nichts zu teuer”, schreibt Grimm. „Vom Tier lebt eine ganze Branche, und sie lebt gut.” Der Bestsellerautor, der bereits mit kritischen Darstellungen wie „Die Wahrheit über Käpt´n Iglo und die Fruchtzwerge” und „Die Suppe lügt” für Aufregung sorgte, nimmt nun die Futtermittelindustrie aufs Korn.

Dabei stört er sich weniger daran, dass die Herstellung von Tiernahrung vor allem eine Entsorgung von Schlachtabfällen darstellt. Er kritisiert vielmehr die Praxis, den Käufern hochwertige Inhaltsstoffe vorzugaukeln - und dann Aromen und allerlei Zusätze in die Näpfe zu geben.

Zudem habe die Futterindustrie das Tier zum Objekt menschlicher Bedürfnisse gemacht und serviere ihm vermenschlichte Menüs. „Um das Tier geht es nicht, es geht um den Menschen”, schreibt Grimm. „Es ist nur so: Tiere sind eigentlich nicht so. (...) Sie wollen eigentlich ganz andere Sachen fressen.” Folge der widernatürlichen Fütterung seien kranke und zu dicke Vierbeiner.

Ein Beispiel seien „Leckerli” wie spezielle Cracker für Kaninchen. Der Halter falle dem Irrglauben anheim, dem Tier mit dem Snack Vergnügen zu bereiten - ähnlich wie er es selbst beim Essen eines Schokoriegels empfinde. Tatsächlich aber werde das Tier fett und faul und beginne unter Durchfall zu leiden.

Oft seien Menschen bei Dingen für ihren Liebling großzügiger als bei sich selbst. „Beim Billighändler Lidl zum Beispiel kostet der Liter H-Milch für Menschen 0,55 Euro, die Katzenmilch 2,25 Euro. Das Tierfutter-Business muss mithin für die Beteiligten die reine Freude sein.” Weltweit gäben Haustierbesitzer jährlich rund 25 Milliarden Dollar für Tierfutter aus, schreibt Grimm. Allein in Deutschland mache die Heimtierfutterbranche 2,1 Milliarden Euro Umsatz im Jahr.

Dabei seien die Speisen fürs liebe Tier oftmals das Ergebnis fragwürdiger Aroma-Kunst. Chemikalien gaukelten der Katze vor, dass ihr Mahl nach Maus dufte, dem Huhn werde Futter mit Regenwurm- Geschmack kredenzt. Nur so gelinge es, den Tieren in ihrem Napf Dinge unterzuschieben, die sie normalerweise nie fressen würden. „Aroma hilft, die natürliche Ekelschwelle zu überlisten.”

Es gehe um die „Maskierung des Mülls”, klagt Grimm. Dabei würden oft genau diejenigen Zutaten übertüncht, die ungesund seien. Der Autor zitiert Tiermediziner, die von steigenden Krebszahlen bei Tieren infolge des Futters ausgehen. Auch die Zahl von Vierbeinern mit Zivilisationskrankheiten wie Allergien nimmt demnach zu.

Ein weiterer schlimmer Nebeneffekt des Aromafutters sei, dass die Tiere viel mehr in sich hinein stopften und in der Folge immer dicker würden - womit sich die Industrie gleich ein neues Absatzfeld für noch teurere Diät-Produkte schaffe. „Die Ernährung der Tiere entfernt sich weit von der Natur”, fasst Grimm zusammen. Die Firmen und Verbände hätten sich mittlerweile eine eigene Welt geschaffen, „in der die Geschäftserfolge viel, die natürlichen Bedürfnisse der Tiere wenig zählen”. Grimm kritisiert auch die Rolle der Tierärzte in diesem Spiel.

Grimms Analyse stützt sich auf Statistiken und Studien, mitunter aber vermischt er Annahmen und wissenschaftlich Nachgewiesenes, ohne dies zu kennzeichnen. Darüber hinaus mangelt es dem Buch an Differenziertheit.

So mancher Tierhalter dürfte über den Inhalt ziemlich schockiert sein - geht doch zumindest ein Teil der Kritik zu seinen Lasten. Grimms Buch ist eine Aufforderung dazu, trotz zunehmender Hektik die ach so praktischen Futterdosen im Supermarkt auch mal stehen zu lassen. Denn, so macht er klar: Könnte eine Katze ihr Menü selbst wählen, würde sie Mäuse kaufen.