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Kassel: Kasseler Skelettfunde immer rätselhafter

Kassel : Kasseler Skelettfunde immer rätselhafter

Die Skelettfunde in der Kasseler Innenstadt geben immer mehr Rätsel auf. Bis Donnerstag haben Experten der Spurensicherung die Überreste von inzwischen 60 Menschen in der Baugrube am Rande der Kasseler Universität gefunden.

Die Ermittler gehen davon aus, dass das noch nicht alle Gebeine auf dem Areal sind. Die Knochen liegen auf fünf Gräberfelder verteilt. Rätselhaft ist nach wie vor, warum einige Skelette parallel nebeneinanderliegen, andere wiederum auf einem Haufen.

Ungeklärt ist auch das Alter der Gebeine. Noch gilt die vorläufige Schätzung eines Kasseler Gerichtsmediziners, der von mindestens 50, vermutlich höchstens 100 Jahren gesprochen hatte. Trotzdem reichen Theorien bis in die napoleonische Zeit oder sogar den Siebenjährigen Krieg zurück, in dem Kassel 1762 Schlachtfeld war. Keinen Fortschritt brachte auch die vorläufige Analyse einer Anthropologin der Universität Gießen. Demnach liegen die Knochen mindestens 50 Jahre in der Erde, stammen aber „mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht aus mittelalterlicher Zeit”. Die endete vor 500 Jahren.

Besonders mysteriös ist, dass einige der Knochen schwarz gefärbt sind. Fast alle Skelette haben einen hellbraunen Farbton, zwei sind jedoch dunkel. Einige dieser Knochen sind sogar tiefschwarz und haben einen leichten Glanz. Für die Polizisten war die Verfärbung rätselhaft. Am Nachmittag vermuteten Ermittler allerdings, dass Öl die Gebeine geschwärzt haben könnte. Das Gelände war in den vergangenen Jahrzehnten der Parkplatz eines Autohofs. Dennoch weiß niemand, warum nur zwei Skelette betroffen sind.

Am Donnerstag ratterten auf dem abgesperrten Gelände die Presslufthämmer. Mit schwerem Gerät soll eine dicke Fundamentschicht beseitigt werden. Unter und vermutlich auch in dem Beton stecken weitere Knochen. Das Fundament könnte die Theorie, dass es sich um Tote des Zweiten Weltkriegs handelt, zu Fall bringen. Denn der nach dem Krieg angelegte Parkplatz brauchte kein Fundament, vorher dort stehende Gebäude allerdings schon. Die Gebäude des Rüstungskonzerns Henschel sollen aber schon 1928 gebaut worden sein - Knochen von Opfern des Bombenkriegs oder Zwangsarbeitern könnten folglich nicht unter dem Fundament liegen.

„Die Fragezeichen werden täglich, ja stündlich größer”, sagt der Regionalhistoriker Christian Bruno von Klobuczynski. Er vermutet zwar, dass die Gebeine zwischen 1914 und 1945 in den Kasseler Boden kamen. „Aber es gibt eine ganze Reihe schlüssiger Theorien. Jede hat jedoch mindestens einen Haken, der sie wieder ausschließt.” Der Wissenschaftler, der mit der Polizei zusammenarbeitet, erkennt derzeit nur „allgemeine Ratlosigkeit”.

Interessant ist die Frage, ob sich auch Knochen von Frauen finden. Denn auffallend ist das vollständige Gebiss in vielen der oft zertrümmerten Schädel. Für die Experten ein Zeichen, dass es sich um junge Menschen handelt, also zum Beispiel um Soldaten. Liegen in der Grube auch Frauenknochen, wäre diese Theorie auch vom Tisch.

Die Ausgrabungen werden nach Angaben der Polizei noch Wochen dauern. Ein provisorisches Zelt soll die Gebeine und auch die etwa 20 Polizisten vor Regen schützen. Trotz des Wetters stehen ständig etwa ein Dutzend Schaulustige am Zaun vor der Grube, manche fachsimpelnd, die meisten schweigend. Selbst ein paar Blumen und ein Grablicht haben die Kasseler aufgestellt. Darüber ein einfacher Zettel in einer Klarsichthülle gegen den Regen: „Mögen die Menschen, die hier ausgegraben werden, ein würdiges Begräbnis bekommen und dann in Frieden ruhen.”