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Bukarest: Kampf um ein Paradies im Donaudelta

Bukarest : Kampf um ein Paradies im Donaudelta

Wer absolute Ruhe sucht und allenfalls einem Pelikan oder Kormoran begegnen möchte, findet ein solches Paradies am vorletzten, 200 Kilometer langen Abschnitt der Donau, bevor sich der große europäische Strom am Schwarzen Meer zum Delta verzweigt. Hier, zwischen den Hafenstädten Calarasi und Braila, kommt dann und wann ein Ausflugsschiff vorbei oder ein einsames Fischerboot, doch sonst stört nichts die Ruhe an den endlosen bewaldeten Ufern.

Exakt 142 weltweit geschützte Fisch-, Reptilien-, Vogel- und Pflanzenarten entfalten sich hier. Damit könnte es allerdings bald vorbei sein, wenn Pläne der rumänischen Regierung zum Ausbau der Donau-Schifffahrt wahr werden. Die Naturschutzorganisation WWF ist entsetzt und will notfalls vor Gericht ziehen, um zu verhindern, dass dieses einzigartiges Biotop zerstört wird.

Für die Regulierungsmaßnahmen gibt es gute Gründe, die auch der WWF prinzipiell einsieht: Transport zu Wasser ist umweltfreundlicher und billiger als zu Land. Die Donau spielt hierbei eine zentrale Rolle in den Plänen der Europäischen Union, wo ein Antrag Rumäniens zur Finanzierung der Donau-Regulierung vorliegt, über den Ende dieses Jahres entschieden werden soll. Ziel des Projekts ist es, dass die Donau auf ihrer ganzen Länge mindestens 2,6 Meter tief ist, und zwar das ganze Jahr über. Nur so kann der Strom nach einhelliger Meinung der Experten aus Bukarest und der EU eine effiziente Wasserstraße werden, die Landstraßen und Schienen von Frachtverkehr entlasten könnte. Nach Berechnungen der Regierung in Bukarest kann der Schiffsverkehr an der unteren Donau um 65 Prozent steigen.

Genau hier aber liegt das Dilemma. Bei andauender Dürre, wie jetzt im Sommer, kann der Wasserstand am Unterlauf auf 1,5 Meter sinken. Größere und schwer beladene Schiffe bleiben immer wieder in Sandbänken stecken. Für die Fauna und Flora ist das aber ideal. So brauchen etwa die Störe, deren Lebensraum in Europa in den letzten 50 Jahren ohnehin stark eingeschränkt wurde, den sandigen Boden der Donau als Laichplatz. Sie schwimmen aus dem Schwarzen Meer zur Fortpflanzung hier hin. Früher, als es das 1972 gebaute Donau- Wasserkraftwerk am Eisernen Tor noch nicht gab, schwammen Störe gelegentlich sogar bis Regensburg in Bayern.

Was es für die Störe bedeutet, wenn sich der Flussgrund durch die Regulierungsmaßnahmen verändert, ist unklar. Das Problem ist aber auch kein Thema in dem 50-Seiten-Papier, das Rumänien als Finanzierungsantrag nach Brüssel geschickt hat. Dort werden keinerlei Ausgleichsmaßnahmen oder gar Studien zu den Auswirkungen auf den Biotop erwähnt, moniert der WWF.

Launisch gebärdet sich die Donau hier: Mal fließt sie träge, kaum spürbar dahin, mal reißt sie Ufer ein, bildet Seitenarme und Inseln. Durch die Regulierung mit Hilfen von Deiche und Wehre soll den Seitenarmen Wasser entzogen werden, um den Wasserstand im Hauptarm zu heben. Der WWF plädiert dafür, den Fluss, wenn überhaupt, sanft zu steuern, durch Imitation der Natur, durch Schaffung von Inseln. Dafür könnten dort vorhandene Sedimente verwendet werden anstatt Beton.