Straßburg: Irgendwann gibt es mehr Müll im Meer als Fische

Straßburg : Irgendwann gibt es mehr Müll im Meer als Fische

„Wenn wir weiter so viel Plastik produzieren und wegwerfen wie bisher, schwimmt in einigen Jahrzehnten mehr Müll in den Meeren als Fische.“ Mit diesem dramatischen Appell hat die Brüsseler EU-Kommission am Dienstag in Straßburg ihre neue Strategie zur Vermeidung von Abfall vorgestellt. Die Ziele sind ehrgeizig.

Bis 2030 sollen sämtliche Plastikverpackungen wiederverwertbar sein. So will die EU-Kommission zur Entlastung der Meere beitragen und die Verbraucher schützen. „Wir atmen Plastik, wir essen und trinken Plastik“, sagte der Vizepräsident der Behörde, Frans Timmermans, am Dienstag in Straßburg. Und er veranschaulichte das Problem mit einem überaus eindrucksvollen Bild: „Wenn Ihr Kind einen Strohhalm zum Trinken benutzt, wird er gerade mal fünf Minuten gebraucht. Aber es dauert 500 Jahre, bis das Material sich zersetzt hat.“

Vom Becher bis zur Gurke

Die größten Schwierigkeiten bereiten Einwegkunststoffe. Dabei handelt es sich um Artikel, die nach kurzen Gebrauch weggeworfen werden. Konkret geht es dabei um Zigarettenstummel, Getränkeflaschen, Strohhalme, Verpackungen von Süßigkeiten, Rührstäbchen, Luftballons, Lebensmittelbehälter, Becher und Besteck — bis hin zur einzeln in Zellophan eingewickelten Gurke. Diese Abfälle landen besonders oft im Meer.

Die Zahlen sind dramatisch. 37,4 Kilo Verpackungsmüll aus Plastik produziert jeder Bundesbürger pro Jahr. Trotz intensiver Bemühungen sind die Recyclingquoten bescheiden — sie liegen gerade mal bei 30 Prozent. Der Müllberg dürfte in diesem Jahr sogar noch höher ausfallen, weil China seine bisherigen Aufkäufe von Abfall aus anderen Ländern Ende 2017 eingestellt hat. Vermeiden, eindämmen, verhindern lautet deshalb das Motto der Kommissions-Strategie.

Brüssel plant, mit der Fastfood-Branche darüber zu reden, was nötig ist, um Mehrweg-Getränkebecher, die der Kunde mitbringt, verwenden zu können. Dabei geht es vor allem um Hygiene-Fragen. An den großen Häfen müssen Abfall-Sammelstellen für Schiffe geschaffen werden, um die Entsorgung auf hoher See zu stoppen. An Land soll die sortenreine Sammlung von Verpackungsplastik gefördert werden. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um beispielsweise Getränkeflaschen wieder aufzuarbeiten.

Mikroplastik-Partikel als Problem

Ein weiterer Schwerpunkt wird der Kampf gegen Mikroplastik-Partikel von einer Größe unter fünf Millimetern Größe. Der „absichtliche“ Zusatz dieser Kunststoff-Partikel soll nach dem Vorstoß aus Brüssel grundsätzlich verboten werden. Solche Teilchen werden in der Kosmetik-Industrie beispielsweise für Peeling-Präparate, Waschmittel oder Zahncremes benutzt. Aber sie gehören auch zu den besonderen Sorgenkindern des Umweltschutzes. Denn die Partikel wandern durch alle Filter ins Wasser, von dort ins Meer und werden von Fischen gefressen.

Auf diesem Weg landen sie am Ende wieder auf dem Teller des Verbrauchers. Forscher konnten Reste davon in Lungen und in der Blutbahn nachweisen. „Die Kunststoffmengen sind viel zu groß, als dass wir das tatenlos weiterlaufen lassen können“, sagte Patrick Hasenkamp vom Verband Kommunaler Unternehmen.

25 Millionen Tonnen Kunststoffmüll fallen jährlich in der EU an, der Anteil des Plastiks im Müll, der an Stränden gesammelt wird, liegt bei 85 Prozent. Jyrki Katainen, Vizepräsident der EU-Kommission und zuständig für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen, rief am Dienstag die europäischen Unternehmen dazu auf, „eine weltweite Führungsrolle bei neuen Technologien und Materialien zu übernehmen“. Denn: „Die Verbraucher werden sich in Zukunft bewusst im Sinne der Umwelt entscheiden. Das ist ein wirklicher Gewinn für alle Seiten.“

Der entscheidende Ansatz der neuen Initiative liegt darin, dass Brüssel die sortenreine Rücknahme erleichtern möchte. Bisher wird Plastikmüll häufig in einem Container zusammengefasst. Dies macht eine erneute Nutzung zum Beispiel für Lebensmittel wie Wasserflaschen unmöglich. Denn diese müssen hohen Standards entsprechen, damit das Plastik nicht auf den Inhalt übergeht. Voraussetzung wäre also, dass die unterschiedlichen Kunststoffarten auch getrennt gesammelt werden. Darüber hinaus spricht sich die EU-Kommission vermehrt für Pfandsysteme aus (in Deutschland das Duale System), weil das vom Verbraucher als Belohnung empfunden wird.

Brüssel hat angekündigt, bei notwendigen Investitionen etwa für dringend benötige Recyclinganlagen mit einigen hundert Millionen Euro helfen zu wollen. Ob der Aufwand am Ende auch die Produkte verteuert, sei noch nicht klar, hieß es am Dienstag bei der EU-Behörde. Derzeit bezahlt jeder deutsche Haushalt im Schnitt pro Jahr zwischen 220 bis 280 Euro im Jahr für Müllabfuhr und Duales System. Sehr viel teurer, so Experten, werde es nicht werden.

Überraschende Erfolge

Kritiker fragen dennoch, ob neue Maßnahmen überhaupt zum Erfolg führen können — wo die EU ja bereits Plastiktüten verboten oder eingeschränkt hat. Die Antwort der Befürworter ist klar: Ja. Der Erfolg fällt demnach bisher sogar überraschend aus. Im Jahr 2016 wurden laut Handelsverband HDE immerhin ein Drittel weniger Plastiktüten verwendet als noch im Jahr davor. Allerdings blieben immer noch 3,7 Milliarden Stück. Dennoch wird das Beispiel in Brüssel als Ermutigung empfunden, in diese Richtung weiterzumachen.

Und was kann der Verbraucher tun? Der Appell der EU-Behörde lautet ganz klar: Plastikmüll sollte ordnungsgemäß recycelt werden. Für den schnellen Salat in der Mittagspause gibt es ebenso Alternativen wie für den einmaligen Gebrauch eines Kaffee- oder Softdrink-Bechers, weil sich immer mehr Geschäfte umstellen.