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Mainz/Idar-Oberstein: „Indiana Jones” und der Schädel aus Idar-Oberstein

Mainz/Idar-Oberstein : „Indiana Jones” und der Schädel aus Idar-Oberstein

Der wohl berühmteste Archäologieprofessor der Welt hat eine neue Mission. 19 Jahre nach seinem letzten Abenteuer muss „Indiana Jones” einen mysteriösen Schädel aus Bergkristall finden.

Die Story des Filmspektakels „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels”, das heute in die Kinos kommt, basiert auf einer vermeintlichen Maya-Legende, wonach der Schädel aus Bergkristall geheimnisvolle Fähigkeiten besitzt.

Während das Filmabenteuer „Indiana Jones” in den Dschungel Südamerikas führt, liegt der Ursprung der Legende möglicherweise viel näher: Statt bei den Maya könnte der Kristallschädel im Edelsteinstädtchen Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz geschliffen worden sein.

Solche Schädel gibt es nicht nur in der Fantasie der Drehbuchautoren. Drei von ihnen werden in Museen in Paris, London und Washington ausgestellt, andere gehören privaten Sammlern weltweit. Pünktlich zum Kinostart geistern allerlei Theorien zu deren Herkunft und Alter durch die Medien. Nahrung erhalten die Spekulationen durch eine Ausstellung des Pariser Museums für Stammeskunst am quai Branly, das seinen dort seit langem gezeigten Schädel im Lichte neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse präsentiert.

Demnach ist die vermeintliche Maya-Legende, die sich um den Totenkopf rankt, dem europäischen Zeitgeist des späten 19. Jahrhunderts entsprungen - höchstwahrscheinlich ebenso wie der 2,5 Kilogramm schwere Schädel. Darauf deuteten jedenfalls die Herkunft des Bergkristalls sowie die angewandte Arbeitstechnik in Schliff und Gravur hin. „Die Authentizität von keinem einzigen Schädel, der bei archäologischen Grabungen gefunden wurde, ist bislang gesichert„, sagt ein Sprecher des Musée du quai Branly.

Auch der Vorstand des Deutschen Edelsteinmuseums und Edelsteinkaufmann in Idar-Oberstein, Manfred Wild, glaubt nicht, dass die Totenköpfe von den Maya gefertigt wurden. Er beruft sich auch auf Gutachten zu den Exponaten des Britischen Museums in London und des Smithsonian Instituts in Washington, die eine Datierung der Schädel auf Ende des 19. Jahrhunderts nahelegten. Dann schlägt er den Bogen in den Hunsrück: „Zu dieser Zeit gab es nur drei Zentren für Schleif- und Gravurkunst: Norditalien, Paris und Idar-Oberstein. Aber nur Schleifer und Graveure aus Idar-Oberstein wären in der Lage gewesen, ein so großes Stück in der Qualität zu arbeiten.”

Für einen ”platten Marketing-Schachzug„ hält hingegen der Vorsitzende der Innung der edelsteinbearbeitenden Handwerke in Idar-Oberstein, Hans-Ulrich Pauly, die Spekulationen, wonach die Schädel aus dem Ort kommen könnten. „Da hängen sich Leute an eine Geschichte, um Aufmerksamkeit zu erregen”, sagt er. „Und hier in Idar-Oberstein wollen sich Leute gern als Nachfahren von etwas sehen, was es gar nicht gab - nämlich Kristallschädelschleifer”, moniert Pauly. Denn echte historische Quellen gebe es nicht. „Allen Ernstes: Es kann doch nicht sein, dass es darüber keine Quellen gibt, wenn die Dinger hier hergestellt wurden”, fügt sein Vater, Eberhard Pauly, hinzu.

Doch Wild nennt einen Grund, warum die Herkunft der Schädel sich nicht mit Dokumenten belegen lässt. Eine wichtige Rolle soll der zwielichtige französische Antiquitätenhändler Eugène Boban gespielt haben. Bei ihm tauchten vermutlich 1867 sowohl der französische als auch der englische Kristallschädel erstmals auf, wie auch das Musée du quai Branly dokumentiert.

„Boban war sich des Interesses an präkolumbianischer Kunst in seiner Zeit sehr bewusst. Er wollte in Paris Geschäfte machen und hat die Nachbildungen in Idar-Oberstein in Auftrag gegeben. In Paris wäre er ja viel eher Gefahr gelaufen, dass der Betrug auffliegt„, berichtet der 64-Jähige und fügt verschwörerisch hinzu: ”Und weil das geheime Aufträge waren, lassen sich darüber natürlich auch keine Abrechnungen oder ähnliche Dokumente finden - es wurden nämlich keine gemacht.”