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Hamburg: In Nenas Schule ist alles anders: Den Stundenplan machen die Kinder

Hamburg : In Nenas Schule ist alles anders: Den Stundenplan machen die Kinder

„Diese Schule macht alles anders, und es funktioniert.” Das ist das Fazit von Popsängerin Nena, drei Monate nachdem die von ihr mitgegründete Neue Schule Hamburg in ihr erstes Schuljahr gestartet ist.

In der alten Villa im Stadtteil Rahlstedt gibt es keine Klassenzimmer, sondern Kuschelecken und kleine Räume zum Lernen, in denen Tische und Stühle genauso stehen wie ein riesiges Samtsofa. Im Labor liegen Schutzhandschuhe bereit, weil die Forschergruppe die Aggregatzustände kennenlernt und oft chemische Experimente mit Feuer macht, manchmal stundenlang.

„Hier macht das Lernen immer Spaß”, sagt die 15-jährige Ginger, die nur sehr ungern in ihre alte Schule ging. An der Neuen Schule Hamburg sucht sie sich morgens aus, wie ihr Stundenplan aussehen soll, ob sie allein oder in einer Gruppe lernen will und wann Pause ist. „Das ist der große Unterschied: Die Kinder entscheiden bei uns selbst”, beschreibt Nena das Konzept der bundesweit ersten Einrichtung dieser Art, die nach dem US-Vorbild der „Sudbury Valley School” arbeitet. In Hamburg erproben 83 Schüler im Alter von fünf bis 17 Jahren und sechs Lehrer, ob es mit dem freien Lernen klappt.

Es gibt keinen Klassenverband, keine 45-Minuten-Einheiten, Kernzeiten von neun bis 16 Uhr, Noten nach Wunsch. Die Schule wurde von der Hamburger Behörde genehmigt, ist aber bislang nicht als Ersatzschule anerkannt. Das heißt, die Schüler müssen ihre Abschlussprüfung an anderen Schulen ablegen.

„Früher habe ich Mathe gehasst. Wenn die Stunde vorbei war und ich es nicht verstanden hatte, hatte ich ein Problem. Jetzt mache ich richtig gerne Mathe, weil soviel Zeit ist”, berichtet die 15-jährige Kim. Neben Mathe kann sie etwa eine Lerngruppe zum Thema Aquarium, Chinesisch oder Lebensmittel wählen. Die Inhalte, die die Lehrer anbieten, richten sich nach den Interessen der Schüler. Man muss ein positives Umfeld und Interesse für Dinge haben, um gut lernen zu können, findet Lehrer Hilgar Strauß.

„Es geht bei uns auch um das soziale Lernen”, sagt Philipp Palm, Schulleiter und Lebensgefährte von Nena. „Es gilt das Demokratie- Prinzip. Alle Regeln werden in der Schulversammlung gemeinsam beschlossen”, sagt er. Ein Mal im Jahr stimmen die Kinder ab, ob die Lehrer an der Schule bleiben dürfen. Bei Konflikten stellen sie einen Antrag auf ein Gespräch im Lösungskomitee. „Das tagt zur Zeit ziemlich oft. Wir sind kein Heile-Welt-Laden. Wir sind noch hauptsächlich damit beschäftigt, Regeln aufzustellen und uns als Gruppe zu finden. Es ist ein absoluter Prozess”, erklärt Nena.

Die Schule brauche noch Fördermittel, und einige Eltern würden gern Ergebnisse sehen, sagt die 47-Jährige. Einzelne hätten ihre Kinder schon wieder abgemeldet. „Für Eltern ist das hier eine Herausforderung. Sie lernen, ihren Kindern zu vertrauen”, meint die Sängerin, deren vier Kinder auch in die Schule gehen. Ihr Lebensgefährte findet es vor allem toll, wie neugierig die Kinder sind, die an den normalen Schulen Probleme hatten. So schreibe ein Legastheniker plötzlich fehlerfreie E-Mails. „Ich kannte bisher wenig Kinder, die gerne zur Schule gehen. Hier gibt es viele, die nicht nach Hause wollen„, sagt Nena.