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Montecorvino: Hat Italien einen neuen Padre Pio?

Montecorvino : Hat Italien einen neuen Padre Pio?

Nichts deutet in dem kleinen Ort in den Bergen bei Salerno südlich von Neapel auf Wunder hin. Doch Montecorvino könnte bald Ziel von Pilgern werden, die den „neuen Padre Pio” erleben wollen: den Gemüsehändler Giulio Massa, bei dem sich vor sechs Jahren plötzlich Wundmale öffneten.

Viele erinnert er an den heiliggesprochenen Wunderheiler Padre Pio (1887-1968), der in Italien eine Art Volksheiliger ist und dessen Wundmale sich erst kurz vor seinem Tod schlossen.

Bis vor drei Monaten hatten die kirchlichen Behörden den Fall des Familienvaters mit den Stigmata erfolgreich geheim gehalten. Seit ein italienischer Journalist jedoch die Geschichte des Giulio Massa an die Öffentlichkeit brachte, wird der 38-Jährige von Gläubigen und Neugierigen belagert. Vielleicht ließ er sich deshalb nicht fotografieren. Die kirchlichen Behörden prüfen nun die Echtheit seiner Wundmale.

Auf den ersten Blick geht von dem Mann mit dem sportlichen Körperbau hinter der Theke des Obst- und Gemischtwarenladens nichts Heiliges aus. In Jeans und kariertem Hemd bedient er mit einem freundlichen Lächeln seine Kunden. Jeder im Ort kennt die Geschichte von Giulio Massa. Einige von ihnen nehmen an regelmäßigen Gebetsversammlungen mit ihm teil. Er selbst geht gelassen mit seiner Berühmtheit um.

Bis vor sechs Jahren war Massa ein Durchschnittskatholik wie jeder andere in Montecorvino. Seit 2002 jedoch gilt er in seiner Umgebung als ein „von Gott Gezeichneter”. Damals öffneten sich auf seinem Körper Wunden - an den Stellen, an denen Christus ans Kreuz genagelt wurde. Auf der rechten Schulter, auf der Jesus der Überlieferung zufolge das Kreuz trug, bildete sich eine blutunterlaufene Stelle.

Anstatt an ein Wunder dachte der bodenständige Obsthändler zunächst an eine Hautkrankheit und ging zum Dermatologen. Wenige Tage später verfiel er mehrfach für etwa zehn Minuten in Ekstase und sprach währenddessen in einer seltsamen Sprache. Weder der Dermatologe noch die ebenfalls konsultierten Psychiater entdeckten Hinweise auf Krankheiten. Erst dann wandte sich Massa mit seiner Frau an einen Priester, der als Experte für Wunder gilt. Don Luigi Maione nahm die immer wieder auftretenden Ekstase-Zustände auf Video auf und spielte die Bänder der vatikanischen Heiligsprechungskongregation vor. Dabei stellte sich heraus, dass Massa in Ekstase Aramäisch spricht, die Sprache, in der sich Christus und die Jünger ausdrückten.

Vor drei Jahren begannen überdies eine Madonnenstatue und ein Foto von Padre Pio in der Wohnung des Obsthändlerehepaars zu „weinen”, erzählen die Nachbarn. Der 38-Jährige Massa bemüht sich dennoch, ein normales Leben zu führen. „Donnerstagnachmittags und am Sonntag widme ich mich dem Herrn”, sagt der Vater einer Tochter und eines Sohnes, als wäre das selbstverständlich.

Ergebnis unter Verschluss

Der zuständige Erzbischof von Salerno, Gerardo Pierro, gab eine Untersuchung der bislang nicht erklärten Phänomene in Auftrag. Das Ergebnis wurde aber bisher nicht veröffentlicht. Erzbischof Pierro bemüht sich, die wachsende Verehrung für den Familienvater zu bremsen. „Der junge Mann ist mir möglicherweise einmal bei einer offiziellen Gelegenheit vorgestellt worden”, sagt er vorsichtig. Experten der Heiligsprechungskongregation könnten jedoch am besten beurteilen, ob es sich um Wunder handle oder nicht. „Ich weiß nur allzu gut, dass die Grenze zwischen psychiatrischen Krankheiten und dem Übernatürlichen fließend ist”, sagt der Erzbischof.