Berlin: Gruseln im Museum: „Erschrecker” sorgt für Gänsehaut bei den Besuchern

Berlin : Gruseln im Museum: „Erschrecker” sorgt für Gänsehaut bei den Besuchern

Von den unzähligen Mitarbeitern in den deutschen Museen hat der Berliner Jan Hillerdt vermutlich einen der ungewöhnlichsten Berufe.

Kein Wunder, sorgt er als Hausgeist „Erschrecker” doch seit rund einem Jahr bei den Besuchern der Bunkeranlage am Anhalter Bahnhof für Gänsehaut und Kreisch-Attacken. Während seine Kollegen im Untergeschoss des kubischen Betonklotzes alle Geschichtsinteressierten seriös durch die historische Ausstellung zur Bunkergeschichte führen, erinnert Hillerdts maskierte Tätigkeit mehr an die eines Geisterbahn-Mitarbeiters auf dem Jahrmarkt.

Eingekleidet mit einer schwarzen Hose, schwarzem Rollkragenpullover, schwarzem Umhang und der unverzichtbaren Totenkopfmaske wartet der 26-jährige Student der Kommunikationswissenschaften im unmittelbar an das historische Bunkermuseum angeschlossene Gruselkabinett auf seine „Opfer”. „Als Erschrecker muss man immer ganz individuell auf die Besucher eingehen”, sagt Jan Hillerdt. „Dabei dürfen mich die Gäste natürlich nicht bemerken.”

Aber auch ohne das Eingreifen der menschlichen Erschrecker sorgt der Gang durch die langen und kühlen Korridore auf der Museumsebene der Bunkeranlage aus dem Jahr 1943 für ein mulmiges Gefühl. Historische Fotos, Zeitungen und Fundstücke wie eine Visitenkarte von Heinrich Himmler oder Bombensplitter drücken schon allein aufgrund ihrer eigenen Geschichte bei jedem Schritt mehr auf das Gemüt der Museumsbesucher. Insbesondere Schulklassen nutzen die unkonventionelle Mischung aus Museum und Gruselkabinett gerne, um Unterhaltung und Information zu verbinden.

Die Idee für das historische Museum, welches auch am Internationalen Muesumstag unter dem Motto „Museen und gesellschaftlicher Wandel” am Sonntag (18. Mai) seine Pforten öffnet, war Pächterin und Initiatorin Marlit Friedland während der aufwendigen Restaurierung des Bunkers im Jahr 1995 eher zufällig gekommen. „Damals haben wir zwischen Schutt und Geröll alle möglichen Dinge aus der Nazizeit gefunden”, sagt sie. „Wir haben alles sorgfältig gesammelt, aufgearbeitet und anschließend für alle geschichtsinteressierten Besucher ausgestellt.”

Zurück im Gruselkabinett weicht das reale Grauen des Zweiten Weltkrieges wieder dem fiktiven Schrecken. Einzig die quietschenden Metalltüren ziehen sich wie ein roter Faden durch alle drei Bunkerebenen. Während die Besucher im Figurenkabinett im Erdgeschoss zwischen all den sich bewegenden und stöhnenden Pestopfern, Folterinstrumenten und bluttriefenden Operationsszenarien noch ausschließlich in die Rolle des passiven Zuschauers gedrängt werden, sorgen Jan Hillerdt und seine sieben Kollegen im Obergeschoss auch für aktive Schreckensmomente.

Regungslos verharren die Erschrecker hier dank ihrer dunklen Verkleidungen praktisch unsichtbar zwischen Grabsteinen, Skeletten und wabernden Nebelschwaden. Immer wieder regt sich einer der maschinell gesteuerten „Adrenalinboten” in Form von beweglichen Grabsteinen und Figuren sichert sich so die ganze Aufmerksamkeit der Besucher. Dies ist der Moment, auf den die Hausgeister gewartet haben. Urplötzlich tauchen sie vor den Gruselgästen auf und sorgen für Schreie und sich sträubende Nackenhaare.

Zu seiner ungewöhnlichen Tätigkeit ist Jan Hillerdt durch ein Zeitungsinserat gekommen. „Ich würde nicht sagen, dass ich ein besonderes Faible für Horror und Gruseln habe. Aber man braucht auf jeden Fall viel Spaß an Rollenspielen und sollte auch sportlich und ausdauernd sein, da das Erschrecken körperlich sehr anstrengend ist”, sagt der 26-Jährige.

Seitdem er als Erschrecker vom Dienst arbeitet, hat Hillerdt schon viele kuriose Situationen erlebt: „Die meisten Gäste lachen nach dem ersten Schrecken. Andere wiederum bekommen echte Panik und rennen weg.” In diesen Fällen wird der Erschrecker dann auch schnell zum Tröster. Trotzdem erhält er überwiegend positive Resonanzen für seinen ungewöhnlichen Job. „Ab und zu werde ich von den Besuchern sogar um ein Autogramm gebeten. Aber der Tod gibt keine Autogramme.”

Ganz selten hat sich auch Jan Hillerdt in der unwirklichen Welt schon einmal gegruselt, denn das gegenseitige Erschrecken unter den Hausgeistern gilt als Tabu. „Obwohl ich hier ja jede Bodenwelle und alle Effekte wie meine Westentasche kenne, ist es mir auch schon passiert, dass mich einer der anderen Erschrecker oder gar ein Besucher ein bisschen überrascht hat.”

Mehr von Aachener Zeitung