1. Panorama

Großbritannien will Corona-Regeln weiter lockern

„Mit dem Virus leben“ : Briten halten am „Tag der Freiheit“ fest

Trotz hoher Infektionszahlen in Großbritannien sollen ab dem 19. Juli viele Corona-Maßnahmen der Vergangenheit angehören. Kann das gut gehen? Ein Blick auf die Insel.

Der frischgebackene britische Gesundheitsminister Sajid Javid will eine zügige Rückkehr zur Normalität sehen und plant die endgültige und „unwiderrufliche“ Beendigung der Einschränkungen wegen des Coronavirus für den 19. Juli. „Täuschen Sie sich nicht“, rief er im Unterhaus, „die Beschränkungen unserer Freiheit werden zu einem Ende kommen!“

Trotz stark steigender Infektionszahlen im Königreich sieht er keine Gefahr für eine Überwältigung des Nationalen Gesundheitsnotstandes. Der „Tag der Freiheit“ musste am 21. Mai um vier Wochen verschoben werden, nun soll es definitiv der 19. Juli werden. Eine Verschiebung käme nicht in Frage, meinte Javid, „weil kein Datum mit null Risiko kommt. Wir können das Virus nicht einfach eliminieren. Wir müssen lernen, mit ihm zu leben.“

Mit dem Virus leben – dieses Motto scheint immer mehr die Corona-Politik der britischen Regierung zu bestimmen, obwohl die Inzidenz weiter steigt. Anfang Mai lag sie noch bei knapp unter 20, mittlerweile ist sie auf knapp 170 Fälle pro 100.000 Einwohner gestiegen.

Am Montag wurden mit 22.868 Neuinfektionen die meisten Fälle seit Ende Januar gemeldet. Aber die Länderspiele der Fußball-Europameisterschaft finden vor immer größeren Zuschauermengen statt. Das Spiel gegen Deutschland am Dienstag im Londoner Wembley-Stadion findet vor 45.000 Besuchern statt, und zu den Finalspielen sollen sogar 60.000 Fans zugelassen werden.

Viele Neuinfektionen, wenige Krankenhausaufenthalte

Zugleich wird mit großer Geschwindigkeit weiter geimpft, weil darin die beste Strategie für eine zügige Öffnung gesehen wird. Man ist ermutigt, weil die hohe Zahl der Neuinfektionen nicht zwingend zu einer hohen Zahl von Krankenhauseinweisungen und schweren Erkrankungen geführt hat. Die Verbindung zwischen Ansteckung und tödlichem Krankheitsverlauf scheint gebrochen.

Die Delta-Mutation des Corona-Virus ist in Großbritannien zur vorherrschenden Variante geworden. Doch obwohl sie um rund 60 Prozent ansteckender als die Alpha-Variante ist, geht von ihr weniger Gefahr aus, weil mittlerweile schon so viele Briten – fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung – einen doppelten Impfschutz erhalten haben.

Die Gesundheitsbehörde „Public Health England“ (PHE) schätzt, dass eine vollständige Immunisierung mit zwei Impfdosen zu einem 94-prozentigen Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf verhilft. Das ist zwar ein sehr hoher Prozentsatz, aber eben nicht ein vollständiger Schutz. Daher können sich auch doppelt Geimpfte mit Corona anstecken und daran versterben. Nach den neuesten Erhebungen hatten 43 Prozent der Delta-Covid-Todesfälle eine doppelte Immunisierung.

„Wir können das Virus nicht einfach eliminieren. Wir müssen lernen, mit ihm zu leben.“, sagt der neue britische Gesundheitsminister Sajid Javid.
„Wir können das Virus nicht einfach eliminieren. Wir müssen lernen, mit ihm zu leben.“, sagt der neue britische Gesundheitsminister Sajid Javid. Foto: dpa/House Of Commons

Das klingt viel, aber tatsächlich sind die absoluten Zahlen niedrig. Bis Mitte Juni, so konstatierte ein PHE-Briefing, waren 107 Personen an der Delta-Variante gestorben und darunter befanden sich 50 Menschen mit einem vollständigen Impfschutz.

Trotz Impfung steigt das Risiko mit dem Alter

Cambridge-Professor David Spiegelhalter wies darauf hin, dass trotz Doppel-Impfung das Risiko mit dem Alter exponentiell steigt: „Jemand, der 80 Jahre alt ist und voll immunisiert ist“, unterstrich der Statistiker, „hat das gleiche Risiko wie eine Person um die 50 ohne jede Impfung – viel niedriger, aber nicht null, und deswegen müssen wir einige Todesfälle erwarten.“

Die durch die Delta-Variante ausgelöste dritte Corona-Welle im Königreich verbreitet sich hauptsächlich unter jüngeren Altersgruppen. Aktuelle Infektionszahlen zeigen einen wöchentlichen Anstieg von 70 Prozent bei den Fünf- bis Neunjährigen und einen wöchentlichen Zuwachs von 56 Prozent bei den Zehn- bis 14-Jährigen.

Zum Glück ist unter jungen Menschen, insbesondere unter Schulkindern, das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs am geringsten. Daher wird jetzt darüber nachgedacht, die Politik einer automatischen Isolierung von Schulkindern zu beenden. Bisher galt, dass ein positiver Fall innerhalb eines „Bubbles“, also einer Schülergruppe, dazu führt, dass sich sämtliche Mitglieder des Bubbles für zehn Tage in Quarantäne begeben müssen.

In der zweiten Juniwoche gab es 9000 Schulkinder, die positiv getestet wurden, aber 214.000 Schulkinder mussten in die Isolation. Gesundheitsminister Sajid Javid deutete an, dass demnächst die Pflicht-Quarantäne für sämtliche Mitglieder eines Bubbles durch einen täglichen Corona-Test ersetzt werden könnte.