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Biel: Größenwahn am Arm: Mechanische Uhren werden immer größer

Biel : Größenwahn am Arm: Mechanische Uhren werden immer größer

Der Fall ist in der Technikgeschichte ohne Beispiel: Da gibt es ein modernes Verfahren, das alles besser kann als das alte - und das dazu billiger ist. Und dennoch bekommt es im gehobenen Markt kaum noch einen Stich.

Die Rede ist von der Konkurrenz der elektronischen zur mechanischen Armbanduhr. Wer heute etwas auf sich hält, trägt Automatik oder Handaufzug - und das bevorzugt im „Jumbo-Format”.

Im Uhrenland Schweiz zum Beispiel haben mechanische Modelle mit einem Umsatzanteil von rund 70 Prozent wieder die Oberhand gewonnen. „Und die Schere öffnet sich weiter”, sagt Jean-Daniel Pasche, Präsident des Verbandes der Schweizerischen Uhrenindustrie in Biel.

Noch gibt es edle Quarzuhren. Aber sie verzichten immer häufiger auf den verräterischen Sekundenzeiger, der ordinär springt, während er bei der mechanischen Uhr majestätisch gleitet.

Gern lehnen sich mechanische Uhren auch im Design an historische Vorbilder an. Doch eins ist neu: Begnügten sich zivile Herrenuhren früher mit Durchmessern von weniger als 35 Millimetern (mm), sind Kolosse mit Maßen von mehr als 45 mm heute keine Seltenheit.

Diesen Anspruch bekunden dann Namenszusätze wie „XXL” bei der Marke Omega, „Extreme” bei Jaeger-LeCoultre, „Maxi” (Longines) oder „Super” (Breitling).

Mit der Mode haben sich auch die Sehgewohnheiten gewandelt: „Noch vor ein paar Jahren waren 38 mm eine normale Herrengröße”, sagt Christina Golze vom Hersteller Chronoswiss in München. „Heute hören wir schon mal: Was soll ich denn mit dieser Damenuhr?” Solche Fragen sollen bei der neuesten Kreation des Hauses ausgeschlossen sein: Der „Wristmaster” vereint gleich zwei Gehäuse - eines davon mit Stoppuhr -auf einer 84 mal 42 mm großen Stahlplatte, die mit einer Ledermanschette im Stil römischer Gladiatoren um den Arm geschnallt wird.

Zwar rechtfertigen die Hersteller das Wachstum gern mit dem Platzbedarf für zusätzliche Funktionen. Doch im Inneren einfacherer Modelle ticken oft noch die gleichen schmalen Werke wie einst. Den Raum füllt vor allem ein eher untechnischer Werkstoff: Luft. Und so dient die Aufrüstung vor allem einem Zweck: das gestiegene Bedürfnis der Kunden nach Design und Repräsentation zu befriedigen. Wer sich eine mechanische Uhr leistet, will das gewürdigt wissen - auch wenn sich die Krone in den Handrücken bohrt.

Das in Sankt Gallen erscheinende „Tourbillon-Magazin” hat nachgemessen: Betrug die Größe aller von der Marke IWC aus Schaffhausen in der Schweiz angebotenen Uhren 1988 im Schnitt 34,6 mm, ist dieser Wert auf aktuell 43 mm gestiegen. Auf diesen Mittelwert kommt ziemlich exakt, wer ein neues Paketangebot von IWC annimmt: Fliegeruhren im Partnerlook für Vater und Sohn. Noch kühner als die 46,2 mm für das Herrenmodell mutet dabei die Empfehlung für den Filius an: 39 mm wären vor kurzem bei ganzen Kerlen als stattlich durchgegangen.

Dabei kann IWC immerhin beanspruchen, schon früher große Uhren gebaut zu haben: Um 1939 meldeten sich zwei portugiesische Kaufleute mit dem Wunsch, eine möglichst präzise Armbanduhr für die Schifffahrt produzieren zu lassen. Dies ließ sich nur durch den Einbau eines Taschenuhrwerks erfüllen. Geschaffen war die Portugieser-Uhr, die IWC aktuell in einer Vintage-Linie wiederaufleben lässt - natürlich mit nochmals vergrößertem Gehäuse. Doch die meisten Geburtsmythen großer Uhren haben einen militärischen Hintergrund.

So berufen sich viele Hersteller heute auf die riesigen Beobachteruhren aus dem Zweiten Weltkrieg, als zweifelsfreie Orientierung zu Lande, zu Wasser und vor allem in der Luft eine Überlebensfrage war. Auch der Hersteller Panerai verdankt seine aktuelle Existenz guten Beziehungen zur Armee: Die Modelle Radiomir und Luminor mit den Gardemaßen 44 bis 47 mm sind gestrandete Taucheruhren. Kürzlich wurde ein auf 40 mm abgespeckter Chronograph auf den Markt gebracht - „unser Damenmodell”, sagt Sophie Binsch von Panerai in München scherzhaft.

Die Modelle von Panerai lehren aber auch, dass Lineale lügen können: Der voluminöse Kronenschutz verleiht der Luminor zusätzliche Wucht - ein Muster, das die junge britisch-schweizerische Marke Graham mit spinnenartig ausgreifenden Anbauten auf die Spitze treibt: „Unsere Kunden haben keine Lust auf Bescheidenheit”, sagt Marketing-Direktor Max Imgrüth.

Und der Größenwahn zwingt nun auch konservative Hersteller zur Reaktion. Nomos aus Glashütte, auf puristisches Design spezialisiert, bietet das Einsteigermodell „Club” neuerdings zusätzlich zum Standard mit 36 mm auch in drei größeren Varianten mit bis zu 41,5 mm an. Lange & Söhne hat seine einst mit 38,5 mm Durchmesser gestartetes Modell „Lange 1” renoviert und als „Große Lange 1” auf 41,9 mm verbreitert.

Selbst Rolex gab sich lange Zeit zurückhaltend. Im Sortiment finden sich noch etliche Modelle, die unter 40 mm bleiben. Bei der „Day Date II” hat die Nobelmarke nun aber nachjustiert und den Durchmesser von 36 auf 41 mm gesteigert. Das wirkt derzeit fast wie ein Understatement - für Rolex-Träger ist das eine eher ungewohnte Erfahrung.