1. Panorama

Köln: Gottesdienst und Trauerakt für die Absturzopfer im Kölner Dom

Köln : Gottesdienst und Trauerakt für die Absturzopfer im Kölner Dom

150 weiße Kerzen, Blumengestecke aus weißen Rosen und Lilien vor dem Altar — das sind die einzigen äußeren Zeichen der Trauer für die Absturzopfer der Germanwings-Maschine, für die am Freitagmittag im Kölner Dom ein ökumenischer Gottesdienst und ein staatlicher Trauerakt abgehalten wurden. Was fehlt, sind Särge. Für die Angehörigen muss dies das Schlimmste gewesen sein. Die unvorstellbar entsetzlichen Umstände des Todes der 149 Absturzopfer und des verursachenden Co-Piloten haben einen Abschied, wie er normalerweise den Toten gebührt, unmöglich gemacht.

Punkt 11 Uhr, eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes, werden die Kerzen angezündet. Eine nach der anderen, in stillem, meditativem Tun. Derweil herrscht im Dom schon jede Menge Gewusel. Mitglieder der Kurie, des Bistums, der Staatskanzlei sowie von Chor und Orchester schwirren umher, um Plätze zu suchen oder zu finden. Journalisten werden eingelassen, nur rund 60 haben einen Sitzplatz im Dom erhalten, über 300 sind insgesamt zur Trauerfeier zugelassen worden. Rund 250 interessierte Gäste aus dem Bistum, die freien Zutritt zur Trauerfeier erhalten haben, nehmen nach eingehender Sicherheitsprüfung ebenfalls schon ihre Plätze ein.

Natürlich steht die Sicherheit an oberster Stelle. Undenkbar, wenn es an einem solchen Tag zu Zwischenfällen käme. Der gesamte Bereich um die Domplatte ist seit dem frühen Morgen weiträumig abgesperrt. Polizisten an jeder Ecke. Mehrfache Kontrolle aller, die in den Sicherheitsbereich wollen. Scannen und Abtasten wie am Flughafen, Untersuchung der Taschen, von außen, von innen und von unten.

All dies ist jedoch nicht das wirklich Bemerkenswerte bei dieser Trauerfeier, die allen Anwesenden noch einmal das schreckliche Ereignis und die unwiederbringlichen Verluste vom 24. März aufs Schmerzlichste in Erinnerung bringt. Die rund 1400 Menschen, die sich zusammengefunden haben, um der Opfer zu gedenken und die Erhabenheit des Gotteshauses, durch dessen bunte Glasfenster genau um diese Zeit so magisches Licht leuchtet, mag so manchem noch einmal sehr plastisch vor Augen geführt haben, was der Absturz der Maschine für die Hinterbliebenen tatsächlich bedeutet.

Tränenreiche Fürbitte

So richtig ermessen lässt sich der Schmerz dieser Menschen aber in dem Moment, als Sarah aus dem streng abgeschirmten Kreis der Angehörigen an das Rednerpult tritt und ihre Fürbitte vorträgt: „Herr, ich bitte dich: Trockne unsere Tränen, stärke die schönen Erinnerungen und schenke uns allen neuen Lebensmut.“ Mit jedem Wort steigen der jungen Frau mehr und mehr Tränen in die Augen, und ihre letzten Worte werden von den Tränen hinweggeschwemmt. Es ist nicht einer unter den vielen Menschen im Dom, der an dieser Stelle nicht zutiefst ergriffen wäre — ob des Mutes von Sarah und ob ihres Schmerzes, der stellvertretend für alle steht. Sarah hat am 24. März ihre Schwester verloren.

„Wo warst du, Gott?“, fragt selbst der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki. Als Antwort bietet er an, woran er selbst glaubt: das ewige Leben und das Für- und Miteinanderbeten. Dies sagt er ausdrücklich auch jenen, die „nicht beten können oder nicht beten wollen, weil sie es vielleicht nicht gelernt haben oder weil es Ihnen durch den Verlust des geliebten Menschen im Moment nicht möglich zu sein scheint“. Seine Bitte an die Angehörigen: „Lassen Sie sich tragen von all jenen, die für Sie und mit Ihnen für Ihre Lieben beten.“ Auch seine Bescheidenheit überzeugt in dieser Stunde, er stehe hier als Mensch, als Christ und — was aber gar nicht so wichtig sei — als Erzbischof von Köln, sagt Woelki.

Gauck trifft richtigen Ton

Wichtig ist das, was an diesem Mittag passiert: das gemeinsame Trauern, das irgendwie Mut macht. Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, sagt: „Unbegreifliches ist geschehen, Unbegreifliches wurde getan. Abgründe klaffen auf.“ Tränen fließen und Tränen versiegen, sagt Annette Kurschus noch und hofft, dass Gott diese alle sammelt. „Sie sind unendlich kostbar — wie das Leben selbst.“

Bemerkenswert auch das: Die musikalische Untermalung des Gottesdienstes und des Trauerakts ist bewusst sehr zurückhaltend gewählt — keines der bekannten tränenrührigen Stücke erklingt von Orgel oder Orchester. Nur als ein Ensemble aus drei Musikern vom Gymnasium Haltern die Titelmusik aus dem Film „Schindlers Liste“ spielt, kämpfen alle mit den Tränen. Und dann Bundespräsident Joachim Gauck. Er ist der Meister der in Worte gefassten Emotionen und trifft auch diesmal den richtigen Ton für die Trauerfeierlichkeiten, die unter dem Motto „Halten und gehalten werden“ stehen. Alle hier Anwesenden seien verbunden durch Trauer und Schmerz und zugleich eine tief empfundene Ratlosigkeit. Gauck sagt: „Zum Grauen und Schmerz kommt noch das Erschrecken hinzu über das Böse, das sich hier gezeigt hat.“ Aber er spricht auch von Vertrauen. Nirgendwo kämen wir ohne es aus, wenn es missbraucht werde, treffe uns das ins Mark.

Aber ohne Vertrauen sei das Leben nicht möglich. „Wir müssen einander vertrauen“, sagt Gauck und wünscht allen einen Stern, der „uns durch die Dunkelheit unseres Lebens begleitet, der uns sagt: Du bist nicht allein.“ Und dann sagt Präsident Gauck noch: „Der Mensch ist zum Guten fähig.“ Auch das tröstet an diesem außergewöhnlichen Mittag im Kölner Dom.