Hannover: Gleichstellung? Stück für Stück vor Gericht erstritten

Hannover : Gleichstellung? Stück für Stück vor Gericht erstritten

Am 1. August 2001 um 8.20 Uhr schrieben sie Geschichte: Im alten Rathaus von Hannover ließen Heinz-Friedrich Harre und Reinhard Lüschow ihre Lebenspartnerschaft amtlich beglaubigen - als allererstes homosexuelles Paar in Deutschland.

Dass danach ein ganzes Rudel von Medienvertretern auf sie wartete, hatte aber nicht nur mit dem frühen Termin an diesem Tag zu tun: Es waren genau diese beiden Männer, die zuvor einen fast zehn Jahre dauernden Weg durch die Instanzen gegangen waren - bis das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber aufgab, die Diskriminierung von Schwulen und Lesben zu beenden. So kam das schwule Paar aus Hannover zwar nicht zur eigentlich ersehnten richtigen Eheschließung, aber eben doch ins Trauzimmer des Standesamtes.

Rührende Momente

Der 50-jährige Reinhard Lüschow ist auch zehn Jahre danach noch kämpferisch und ein bisschen stolz: „Wir waren rechtlos, das hat sich dann Stück für Stück geändert. Aber wir sind immer noch nicht ganz fertig.” Konkret ist derzeit eine Klage vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg anhängig, es geht um die rückwirkende Zahlung des Ortszuschlages für Beamte. Seit 2001 stehen zudem alle Steuerbescheide unter Vorbehalt, gerungen wird - wieder bis zum Verfassungsgericht - um die gemeinsame Veranlagung zur Einkommensteuer. Und auch die Ungleichbehandlung im Adoptionsrecht existiert noch.

Der Umgangston in der großzügigen und gediegen eingerichteten Wohnung mit hellen, verspielten Gardinen im Süden Hannovers ist rau, aber herzlich: „Wir streiten über alles außer Geld”, sagen Harre und Lüschow. Beide Partner haben ihre getrennten Konten behalten, über gemeinsame Ausgaben wird sorgfältig ein Haushaltsbuch geführt, am Monatsende abgerechnet. Der 58-jährige Harre und der 50-jährige Lüschow sind gestandene Männer, ein Verwaltungsangestellter und ein Beamter. Und wie ein altes Ehepaar fahren sie im Urlaub gerne immer wieder ans gewohnte Urlaubsziel auf Mallorca: „Wir sind bequem.”

Der eine kocht lieber, der andere bügelt besser. Eine Rollenverteilung nach dem Vorbild von heterosexuellen Paaren gibt es aber ausdrücklich nicht, betont Harre: „Wir sind zwei Männer, die zusammenleben wollen.”

„Sag Vater zu mir”

Zusammen gezogen sind die beiden lange vor ihrer Trauung, vor 23 Jahren. Beim Betrachten der Bilder vom 1. August 2001 werden sie aber doch rührselig. Lüschows Vater etwa war viele Jahre Sturm gelaufen gegen die Verbindung der beiden, aber dann kam er zum Standesamt: „Er hat eine nette Ansprache gehalten, Heinz-Friedrich das Du angeboten und ihn gebeten, künftig Vater zu ihm zu sagen.” Die Fotos nennen sie übrigens ausdrücklich Hochzeitsbilder: „Bilder von der Eintragung unserer Lebenspartnerschaft klingt dämlich.”

Als sie 1992 den Kampf aufnahmen, erstmals in Hannover eine Eheschließung beantragten, ging es erklärtermaßen ums Prinzip der Gleichbehandlung mit heterosexuellen Paaren. Die Entscheidung, dann auch tatsächlich selbst zum Standesamt zu gehen, fiel erst, als das Gesetz verabschiedet wurde: „So kitschig es auch klingen mag, wir sind ein Paar, wir lieben uns, und deshalb haben wir geheiratet.” (afp)

Einkommensteuer- und Adoptionsrecht sind noch nicht angepasst

23.000 Paare sind inzwischen eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen. Doch zehn Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes kann von einer Gleichstellung mit der Ehe noch nicht die Rede sein. Dennoch: Das Lebenspartnerschaftsrecht sei längst viel besser als sein Ruf, sagt Günter Dworek vom Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland. „Durch permanenten politischen Druck in Bund und Ländern sowie Erfolge vor Gericht haben wir Stein für Stein an das ursprüngliche Gesetzesfundament angebaut.” Schwule und Lesben sind inzwischen vor allem beim Unterhaltsrecht, beim Güterrecht und beim Erbrecht mit heterosexuellen Eheleuten gleichgestellt.

Zwei Baustellen gibt es noch: die Gleichstellung im Einkommenssteuerrecht und das gemeinschaftliche Adoptionsrecht. Und so stand die Demo zum Christopher Street Day am Samstag in Frankfurt unter dem Motto „Einigkeit und Recht auf Gleichheit”.

Mehr von Aachener Zeitung