1. Panorama

Bad Neuenahr: „Gasthaus zum letzten Stündchen”

Bad Neuenahr : „Gasthaus zum letzten Stündchen”

Er wurde das „Gasthaus zum letzten Stündchen” genannt: der tief unter den malerischen Weinbergen gelegene nuklearfeste Regierungsbunker der „Bonner Republik” im Ahrtal in der Nähe von Bad Neuenahr.

Aus dem kilometerlangen, umfangreichen Röhrenverlies wollte die Bundesregierung bei einem atomaren Inferno über Deutschland den Rest des übriggebliebenen Landes regieren. Das kleine Bunkermuseum, das am Donnerstag nächster Woche eröffnet wird, gibt einen Einblick, wie von 1966 bis 1989 alle zwei Jahre das Unfassbare „am Schreibtisch” geübt wurde.

So sah das Szenario aus, das den Hintergrund des unterirdischen „Trocken-Manövers” bildete: Der Warschauer Pakt ist aufmarschiert, greift in kurzer Zeit blitzschnell an, sowjetische Panzer stehen bereits am Rhein. Die Vorneverteidigung an der Grenze der Bundesrepublik ist überrannt. Der lebensnotwendige Nachschub aus den USA ist im Atlantik von sowjetischen U-Booten gekappt worden. Dem Westen bleibt kein anderer Ausweg: Er muss an das Schlimmste denken, den Nuklearkrieg. Es werden Atomschläge ausgelöst, um den Ansturm aus dem Osten zum Stehen zu bringen.

Die rund 3000 Menschen im Ahrbunker, der Bundespräsident, der Bundeskanzler und alle Mitarbeiter sowie Bundeswehroffiziere hätten mindestens 30 Tage ohne Verbindung zur Außenwelt durchhalten können. Was dann passieren sollte, wenn Deutschland ein atomarer Trümmerhaufen gewesen wäre, konnte noch nie jemand wirklich beantworten.

Die Atmosphäre im Übungsbunker wurde von Teilnehmern immer wieder als „gespenstisch” und „niederschmetternd” geschildert. Wer in der „Untertagewelt” beschäftigt war, musste sich schriftlich verpflichten, nicht einmal seinem Ehepartner davon zu erzählen.

Der „Krieg per Computer und am Bildschirm” lief völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit ab. Der Name des geheimen Manövers, bei dem sich kein Panzer, kein Soldat im Feld bewegte: „Winter-Stabsrahmenübung”: Wintex-Climex (Winter-exercise, Civil military exercise).

Im Bunker unter dem idyllischen Rotweinwanderweg der Ahr wurden Tag und Nacht an Karten, Lagebeurteilungen und Depeschen gearbeitet. Das Kriegskabinett musste entscheiden, wie die Panik der bundesdeutschen Bevölkerung aufgefangen werden kann, die einsetzenden Flüchtlingsströme geleitet und Gegenangriffe gestartet werden können. Das Übungskabinett überprüfte mit den anderen Nato-Partnern von den USA bis zur Türkei alle Verfahren, die für eine Krise, einen Spannungs- oder Verteidigungsfall vorbereitet worden waren.

Hauptziel war die Erprobung des Zusammenspiels der Nato-Verbündeten auf allen Ebenen. Die militärischen Stäbe überprüften die Pläne zur Gesamtverteidigung des Nato-Gebiets. Die zivilen Beamten beurteilten die Rechtsgrundlagen für die einzelnen Verfahren zur Abwicklung der Versorgung der Bürger und Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Nach der 14-tägigen Übung wurden die Ergebnisse analysiert. Die Erfahrungen wurden den zuständigen parlamentarischen Gremien zur Kenntnis gebracht.

Immer wieder hatten sich nach Aussage von „Bunker-Offizieren” etliche Schwachpunkte in der Verteidigungsfähigkeit der Nato ergeben. Sie hätten vor allem bei der Fähigkeit zur Aufklärung, der elektronischen Kampfführung, bei der Sanitätsversorgung, den Sicherungsverbänden im rückwärtigen Raum und in der Koordination der Luftverteidigung gelegen.

Bei den Übungen gab es nicht selten unter den Teilnehmern medizinische Probleme. Die Bunkeratmosphäre wirkte sich vor allem auf den psychischen Zustand aus. Es gab stets eine Reihe von Nervenzusammenbrüchen. Trotz aller Verpflichtungen mussten dann die Frauen oder Männer das Bunkerverlies verlassen.

Die angespannte Nervenlage entlud sich am Ende des zweiwöchigen unterirdischen Daseins in Abschiedspartys, die durchweg als „ganz schön üppig” geschildert wurden.