Friedrich Nowottny wird 90: Mister Bonn mit legendärem Brandt-Interview

Friedrich Nowottny wird 90 : „Auf Wiedersehen - das Wetter!“

Friedrich Nowottny war einmal „Mister Bonn“. Er lebt noch immer in der Stadt, aber der Blick zurück ist seine Sache nicht, obwohl er sie doch alle gekannt hat: Brandt, Schmidt, Kohl... Mit einem der damaligen Spitzenpolitiker steht noch eine Aussprache aus.

Friedrich Nowottny muss erstmal sein Tablet vom Tisch räumen. Darunter liegen Tageszeitungen. Der ehemalige Fernsehjournalist mag am Donnerstag (16. Mai) seinen 90. Geburtstag feiern, aber er ist über das aktuelle Geschehen immer noch voll auf dem Laufenden.

Nowottny war in den 1970er und in der ersten Hälfte der 80er Jahre der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios. Das hieß damals nur noch nicht so, denn die Bundesrepublik besaß lediglich eine provisorische Hauptstadt, und dort hielt man sich etwas auf seine Bescheidenheit zugute. „Wenn wir mal eine Exklusiv-Meldung hatten, dann wurde in der "Tagesschau" nur gesagt: "Wie unser Bonner Büro meldet..." Büro, noch nicht mal Studio!“

Während er das sagt, schmunzelt er genauso wie damals als „Bericht aus Bonn“-Moderator. Er pflegte die Sendung mit einer leicht ironischen oder zumindest hintergründigen Bemerkung abzuschließen, gefolgt von den Worten: „Auf Wiedersehen - das Wetter!“

„Mister Bonn“ wohnt immer noch in Bonn

„Mister Bonn“ nannte man ihn damals. Und in Bonn wohnt er auch heute noch - oder wieder: Ihr Reihenhaus haben seine Frau und er vor einem Jahr aufgegeben, weil sie den Garten nicht mehr bewältigen konnten. Jetzt leben sie in einer Wohnung in der Bonner Südstadt. Nowottny hat sich gut gehalten.

Ganz in der Nähe wohnt ein anderer Dinosaurier der Bonner Republik: Helmut Kohls Arbeitsminister Norbert Blüm. Den habe er noch nie besucht, müsse das aber unbedingt mal tun, sagt Nowottny. Im Raum stehe immer noch eine „Kriegserklärung“, die Blüm ihm vor vielen Jahren mal telefonisch übermittelt habe - aus Ärger über einen kritischen WDR-Bericht. Das war in der Zeit, als Nowottny Intendant des größten ARD-Senders war, von 1985 bis 1995.

Viele ältere Menschen reden gern und viel von früher - nicht so Nowottny. Er scheint ganz in der Gegenwart zu leben. Noch immer nimmt er im Gespräch ganz selbstverständlich die aktuelle Politik durch („Das ist eine sehr spannende Zeit gerade“), macht zwischendurch einen Schlenker zur Bundesliga („Was sagen Sie zu Schalke?“), erörtert die schwierige Lage der Medien („Ich staune immer, was die Kollegen von den Zeitungen noch alles hinbekommen“) und erzählt von den Enkelkindern.

Legendäres Brandt-Interview

Auf seine TV-Vergangenheit muss man ihn gezielt ansprechen, er selbst fängt nicht davon an. Und wenn er dann erzählt, dann nicht von seinen großen Erfolgen, sondern zum Beispiel von dem daneben gegangenen Willy-Brandt-Interview, das ein Hit auf Youtube geworden ist. Er sollte den SPD-Kanzler 1972 für die „Tagesschau“ befragen, aber nur eineinhalb Minuten lang. Über diese Beschränkung war Brandt dermaßen verärgert, dass er nur mit „ja“, „nein“ und „doch“ antwortete. „Der ließ mich voll auflaufen.“

Verabschiedung an der Haustür. Wie feiert er eigentlich seinen Neunzigsten? Klein natürlich, mit der Familie. WDR-Intendant Tom Buhrow habe ihm angeboten, zu seinen Ehren einen Empfang zu geben. Aber das habe er dankend abgesagt, sagt er. Er kenne ja nur noch wenige Leute im Sender. Und Buhrow habe bestimmt Wichtigeres zu tun. Nowottnysches Schmunzeln. „Auf Wiedersehen.“ Fast erwartet man jetzt noch: „Das Wetter!“

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