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Nairobi/Hamburg: Flugpassagiere zahlen für CO2-Ausstoß: Moderner Ablasshandel?

Nairobi/Hamburg : Flugpassagiere zahlen für CO2-Ausstoß: Moderner Ablasshandel?

Durch die Welt jetten und gleichzeitig sein Umweltgewissen beruhigen - das machen immer mehr Unternehmen möglich. Der Passagier aus Europa kann sich den Kohlendioxidausstoß für seinen Flug ausrechnen lassen und dann ein Klimaprojekt in Afrika finanzieren, dass diesen Ausstoß kompensiert. Umweltverbände warnen dabei vor einem allzu reinem Gewissen und vor schwarzen Schafen.

Ein britisches Unternehmen hat in Kenia eine Möglichkeit zum Kompensieren der Kohlendioxid-Emissionen eröffnet: Einige Dörfer in der Nähe des Naturschutzgebiets Massai Mara sind daran beteiligt. Weil die Dörfer nicht an das Stromnetz angeschlossen sind, nutzen die Bewohner Dieselgeneratoren, um Strom zu bekommen. Diese erzeugen das Treibhausgas CO2. Das Unternehmen CO2 Balance versucht nun, den Dieselverbrauch in den Dörfern zu senken, indem es beispielsweise Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzt. „Der Verbrauch an Diesel für Lichtenergie kann auf diese Weise um bis zu vier Fünftel reduziert werden”, sagt Unternehmenssprecher Paul Chiplen.

Auf der Internetseite von CO2 Balance kann jeder ausrechnen, wie viele Tonnen Kohlendioxid sein Haus, sein Auto oder ein Langstreckenflug verursacht. Wer etwa von Deutschland nach Kenia fliegt, belastet die Atmosphäre laut CO2Balance mit einem Kohlendioxidausstoß von 1,4 Tonnen. Wer auf einen solchen Flug nicht verzichten will, kann zumindest umgerechnet 20 Euro dafür bezahlen, dass der Kohlendioxid-Ausstoß um dieselbe Menge gesenkt wird - sei es durch Baumpflanzung oder etwa den Einsatz der Sparlampen in Massai-Dörfern.

Umweltschützer sehen viele Projekte skeptisch: „Man muss aufpassen, wem man sein Geld gibt, weil es auch schwarze Schafe gibt”, sagt Greenpeace-Klimaexperte Karsten Smid. „Wir lehnen Projekte ab, die Bäume pflanzen.” Es sei völlig unklar, in welchem Maß diese CO2 speichern. Zudem sei das oft nicht dauerhaft. Der Einsatz neuer Solaranlagen hingegen fördere auch den Wissenstransfer für die Bevölkerung. Eine Art Gütesiegel für derartige Unternehmen sei der so genannte Gold Standard, der neben der Umwelt auch soziale Faktoren einbezieht. Darauf sollte in jedem Fall geachtet werden.

Greenpeace-Mitarbeiter dürften bei einer Strecke unter 800 Kilometern nicht für die Organisation fliegen, darüber hinaus kompensiere der Verband Flüge über das Unternehmen Atmosfair, sagt Smid. Greenpeace und die Umweltstiftung WWF setzen zunächst in jedem Fall jedoch auf die Vermeidung von Treibhausgasen. Die Leiterin Klima beim WWF, Regine Günther, fasst den Umgang mit Treibhausgasen in einer Reihenfolge zusammen: „Vermeiden-Vermindern-Kompensieren. Kompensieren ist die letzte aller Möglichkeiten.” Der WWF entwickle gerade ein eigenes Kompensationsprojekt in Nepal.

Umstritten ist bislang, wie der CO2-Ausstoß berechnet werden soll: So errechnen andere Anbieter von CO2-Zertifikaten einen weit höheren Treibstoffverbrauch und höhere Kosten für einen Hin- und Rückflug Frankfurt-Nairobi als CO2 Balance: Das deutsche Unternehmen Atmosfair kommt auf 4,3 Tonnen CO2 und eine Zahlung von 85 Euro für ein Klimaschutzprojekt. Es bezieht auch die Entstehung von Stickoxiden und Kondensstreifen in die Rechnung ein. Myclimate in der Schweiz berechnet 2,9 Tonnen und 70 Euro für Projekte in Entwicklungsländern. Das Unternehmen bietet aber auch die Chance, Klimaschutz in Europa zu finanzieren. 210 Euro kostet das Zertifikat, wenn zur Hälfte Projekte in der Schweiz gefördert werden.

Zu den ersten Kunden von CO2 Balance gehört unter anderem ein Vermieter von Ferrari-Luxusautos. Der macht nun damit Werbung, dass seine Kunden garantiert „CO2-neutral” über die Autobahn rasen können. Gerade dies jedoch stößt auf scharfe Kritik der Umweltverbände. „Wir halten es für völlig absurd, den Leuten ein gutes Gewissen bei der Raserei einzureden”, sagt Smid: „Das ist für uns ein Ablasshandel.”