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Ahlen: Findige Spicker und ihre schönsten Täuschungsmanöver

Ahlen : Findige Spicker und ihre schönsten Täuschungsmanöver

Das Lineal ist auf der Rückseite mit Formeln beklebt, der Tintenkiller mit unregelmäßigen Verben ummantelt. Und selbst im Trinkpäckchen findet sich ein raffinierter Spickzettel. Nur ein wirklich mutiger Schüler würde wohl so viele Täuschungsversuche gleichzeitig unternehmen.

In diesem Fall ist es allerdings auch ein Lehrer, Johannes Gröger, der den Schüler-Arbeitsplatz nachgestellt hat. Das Sammelsurium gehört zur Ausstellung „VertrauensBlicke”, die derzeit am Berufskolleg St. Michael im münsterländischen Ahlen zu sehen ist. Schulseelsorger Gröger zeigt das, was er in zehn Jahren als Lehrer so alles an Betrugsbeweisen zusammengetragen hat.

An den Wänden der Eingangshalle des Kollegs in Ahlen (Kreis Warendorf) sind 100 Spickzettel ausgestellt. Auch Kollegen steuerten einzelne „Beweisstücke” bei. Mal wurden auf den kleinen Zettelchen nur schnell ein paar Formeln festgehalten, mal wurden ganze Theorien auf ein Miniaturformat gebracht.

„Das ist eine Welt für sich”, amüsiert sich Diakon Gröger über die Kreativität und das handwerkliche Geschick der Schüler. Das Trinkpäckchen etwa lässt sich mithilfe einer Magnettechnik auf- und zuklappen. In der Klappe klebt die Gedächtnisstütze mit mehreren Definitionen.

Auch das Internet hält für Schüler eine wahre Flut von Spickmethoden bereit: Von einem mit unsichtbarer Tusche beschriften Blatt, das nur mit speziellem UV-Licht sichtbar wird, bis zu einem Mini-Empfangsgerät fürs Ohr. Aufwand und Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt. Wesentlich bodenständiger sind Methoden wie das Einritzen von Formeln in eine Tafel Schokolade. Als Vorteil bei dieser Variante nennen die anonymen Autoren: „Nach Benutzung können sie leicht vernichtet werden!”

Das Sammeln der Spicker hat für Lehrer Gröger mit seiner Ernennung zum Schulseelsorger vor zehn Jahren begonnen. Vor acht Jahren legte einer seiner Schüler ein Geständnis ab, das sein Interesse weckte. Unter der Arbeit des Pennälers stand: „Aufgrund meiner Unkenntnisse unternahm ich einen Spickversuch. Ich bitte Sie, dies zu entschuldigen und Aufgabe 3 in meiner Klausur nicht zu bewerten.” Der 47-Jährige freut sich über die Ehrlichkeit des Schülers. Der Junge habe die Täuschung wohl nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können.

Letztlich war dieses Erlebnis der Impuls für die Ausstellung „VertrauensBlicke”. Mit dem Titel verweist Gröger auf jene Momente, in denen der Schüler mit einem Blick in Richtung des Lehrers entscheidet, ob er den Einsatz eines Spickers riskiert oder nicht. Der 47 Jahre alte Pädagoge hofft, dass mit der Ausstellung weniger seiner Zöglinge den geheimen Notizzettel zücken. „Ich will eine Kultur des Vertrauens herstellen”, betont er.

Der Direktor des Berufskollegs, Lothar Weichel, fand die Idee zu einer Spicker-Ausstellung spannend. Er lobt, dass das Thema Pfuschen dadurch bewusst gemacht wird: „Wir erwarten hier, dass man das nicht tut.” Denn auch Arbeitgeber würden erwarten, dass ihre Angestellten ehrlich seien.

Der 18-jährige Horst Wenzel hält als Mitglied des Landesvorstands der LandesschülerInnenvertretung NRW dagegen, in Tests werde viel „stupides, unnötiges Wissen” abgefragt. Den Schülern würden einerseits zu wenig praktische, lebensnahe Kenntnisse vermittelt. Andererseits fehle ihnen die Sicherheit, auch einmal Fehler zu machen. Daher würden sie spicken, meint Wenzel.

Eine relativ entspannte Einstellung zu dem Thema hat auch der Präsident des Lehrerverbandes in Nordrhein-Westfalen, Peter Silbernagel. Sollte ein Täuschungsversuch auffliegen, müssten Lehrer und Schüler gemeinsam über die Konsequenzen reden. Laut Prüfungsordnung liegt es im Ermessensspielraum der Lehrer, wie er den Betrug bewertet.

Von der Wiederholung der Prüfung bis zur Benotung der gesamten Arbeit mit „ungenügend” sei alles möglich. Silbernagel behauptet von sich, als Lehrer stets an pfiffigen Spick-Tricks interessiert gewesen zu sein: „Es ist doch schon fast nicht normal, dass Schüler nicht versucht haben, zu spicken.”